Sollte Red Bull Salzburg am Mittwochabend (21 Uhr/Sky) aus München einen Punkt entführen oder gar gewinnen, käme das einem kleinen Fußballwunder gleich. Denn damit würde der rot-weiß-rote Serienmeister die aktuell laufende Rekord-Siegesserie des Titelverteidigers in der höchsten europäischen Spielklasse jäh beenden. Die Bayern können in der Champions League bereits auf 14gewonnene Matches en suite zurückblicken - das gab es noch nie. Nach dem Durchmarsch in der vergangenen Saison mit sechs Erfolgen in der Gruppenphase und danach ausschließlich Siegen in den K.o.-Partien begann der Pokalholder auch im Herbst in Gruppe A standesgemäß mit Dreipunktern: Dem 4:0 über Atletico Madrid folgte ein 2:1 gegen Lok Moskau - ehe auch Salzburg die Dominanz der Münchner (zumindest im Finish) zu spüren bekam und im Hinspiel ein bitteres 2:6 hinnehmen musste.

So weit zur eher einseitigen statistischen Ausgangslage vor dem Fußball-Highlight in der (leeren) Allianz-Arena. Die Elf von Jesse Marsch könnte aber auch auf eine andere Statistik vertrauen, die die Red-Bull-Truppe wesentlich besser dastehen lässt: Gegen deutsche Teams (RB Leipzig, Dortmund, Frankfurt, Schalke, . . .) konnten im Europacup schon fünf Siege und vier Remis eingefahren werden (bei sechs Niederlagen). Zumindest die Statistik lässt also die Wahrscheinlichkeit auf Zählbares durchaus zu.

Die Wahrheit liegt aber bekanntlich auf dem Platz - und dort muss die Marsch-Elf am Mittwoch in der Defensive einen Quantenspruch zum Besseren vollziehen, um den Bayern-Express stoppen zu können. Elf Gegentore kassierte die Hintermannschaft der Salzburger heuer bereits in der Königsklasse, und das, obwohl man nach dem Torreigen vorne wie hinten in der vergangenen Saison (16:13 Tore) Besserung gelobt hatte; wenn sich das so fortsetzt, wird sich das Minimalziel dritter Gruppenrang jedenfalls nicht ausgehen können. Eine Schlüsselrolle kommt darob am Mittwoch Maximilian Wöber zu, der die Unzulänglichkeiten auch offen eingesteht: "Wir haben sicher Fehler gemacht, müssen uns verbessern. Gerade aus Standards haben wir in der Champions League zu viele Tore bekommen", meinte der Ex-Rapidler, der aber auch die Vorderleute in der Pflicht sieht. "Wir vier da hinten sind natürlich die Hauptverantwortlichen, aber bei unserer Spielweise muss man die Defensivarbeit auf die gesamte Mannschaft beziehen." Und da agiere man in Umschaltsituationen "manchmal nicht konsequent genug und zu verspielt".

Gewiss, in München ein 0:0 errangeln zu wollen, erscheint weder als sinnvoller Matchplan noch den Red-Bull’schen Ansprüchen Genüge zu tun. "Mit unserem Spiel ist es extrem schwierig, 90 Minuten nichts anbrennen zu lassen", so Wöber, der vielmehr hofft, die guten defensiven Leistungen endlich über die volle Distanz aufrecht erhalten zu können. Immerhin sei es "70 Minuten gegen Atletico und 80 Minuten lang gegen München" hinten blendend gelaufen. Auch Mittelfeldmotor Mohamed Camara stellte im Vorfeld unmissverständlich klar, dass man sich gegen die Bayern sicher nicht hinten reinstellen werde. Vielmehr werde man "wieder frech und aggressiv nach vorne spielen. Das ist einfach unser Stil", erklärte der 20-jährige Teamspieler von Mali.

Anleihen, wie man aus München einen Punkt entführt, könnten die Salzburger bei Werder Bremen nehmen, das dem deutschen Rekordmeister am Samstag ein 1:1 abgetrotzt hat - freilich mit sehr defensiver Grundordnung. Weshalb dies für Wöber nicht als Blaupause dient. "Das ist nicht unsere Art, Fußball zu spielen. Unsere Stärke ist die Offensive. Und gerade in der Champions League kann Bayern sicher ein Schäuferl nachlegen." Man darf auch gespannt sein, wie die Salzburger ihrerseits die erste Saisonniederlage (1:3 gegen Sturm) wegstecken, und ob sie die von Marsch geforderte "Reaktion" just gegen den derzeit wohl besten Klub der Welt zeigen können.

Bayern wissen "was zu tun ist"

Ebendort scheint die Spielweise der Salzburger von mäßiger Relevanz zu sein: "Wenn wir Spielkontrolle haben, ist es auch schön. Wenn sie uns unter Druck setzen, wissen wir aber auch, was wir zu tun haben", meinte Erfolgscoach Hansi Flick, der freilich auch verbale Lorbeeren wie "unbequemer Gegner", "schwere Aufgabe" und "notwendiger Respekt" verteilte. Sein Ziel für Mittwoch ist eindeutig, nämlich "den Achtelfinaleinzug klar zu machen". Das ginge sich eventuell aber auch nur mit einem Remis und also dem Ende der Rekordserie aus.