Irgendwie ist es grotesk: Im Vorjahr - beim Premierenauftritt in der Champions League unter Red-Bull-Flagge - sorgten die Salzburger mit ihrem herzerfrischenden und erfolgreichen Fußball in Europa für Furore, schafften aber in der Gruppe mit Titelverteidiger Liverpool, Napoli und Genk nach dem mit Ach und Krach erkämpften, dann aber glatt verlorenen Finalspiel gegen Liverpool "nur" Platz drei. Heuer schlägt man sich gegen die Bayern, Atletico und Lok Moskau zwar auch recht wacker, aber weder war so richtig Mitreißendes, noch wirklich Zählbares dabei - mit einem Pünktchen nach vier Spieltagen dümpelt die Red-Bull-Truppe am Tabellenende der Gruppe A dahin. Aber - und das ist jetzt die Groteske - im Rennen um den zweiten Achtelfinalplatz nebst den Bayern sind die Salzburger damit noch lange nicht geschlagen, vielmehr schaut die Ausgangslage sogar besser aus als vor einem Jahr um diese Zeit.

Denn schafft die in der Königsklasse auswärts scheinbar gefährlichere Elf von Jesse Marsch (siehe die Auftritte in Madrid und München) am Dienstag (18.55 Uhr/Sky) bei Tabellennachbar Lok Moskau einen vollen Erfolg, öffnet sich plötzlich und unverhofft die Tür zur K.o.-Phase. Und zwar dann, wenn der Titelverteidiger aus München beim kurz danach anzupfeifenden Gastspiel im Wanda Metropolitano zumindest einen Punkt mitnimmt.

Wieder "Finale dahoam"?

Dann käme es am letzten Spieltag (9. Dezember) in Wals-Siezenheim neuerlich zu einem echten Finalspiel, bei dem den Salzburgern gegen Atletico wiederum ein Sieg zur Glückseligkeit und also zu einem kleinen Vorweihnachtswunder reichen würde.

Gewinnen die Colchoneros allerdings ihr Match gegen die Bayern, ist der Zug für die Salzburger abgefahren - dann bleibt aber immerhin noch Gruppenrang drei samt Umstieg in die Europa League als lohnendes Ziel erhalten. Dass Trainer Marsch - durchaus untypisch - unmittelbar nach der Pleite in München derartige Rechenspiele im Kopf hatte, bewies seine offenherzig formulierte Bitte an David Alaba, doch in Madrid und danach gegen Moskau zu gewinnen, um diesen Achtelfinaltraum zu ermöglichen. "Wir müssen stark bleiben, denn wir sind noch am Leben", so der US-Amerikaner.

Allerdings wird schon Teil eins der möglichen Salzburger Champions-League-Schlussoffensive ein hartes Stück Arbeit - das weiß man seit dem 2:2 zum Auftakt vor heimischem Publikum (sic!). Die defensiv straff organisierten Russen trotzten danach der Elf von Diego Simeone ebenso zwei Unentschieden ab, womit also auch noch Lok auf den Achtelfinalzug aufspringen könnte.

"Eine Mannschaft, die unglaublich verteidigt, sie machen alles, um das Tor zu schützen", konstatierte Marsch, der aber wieder voll auf Sieg spielen lässt. "Wir müssen gewinnen." Nachsatz: "Wir müssen unser aggressives Spiel spielen und dann auch hinten sicher sein. Wir können immer ein Tor schießen, aber weniger Gegentore sind immer wichtig." Nach 14 Gegentreffern in der Königsklasse (Lok hält erst bei deren 5) braucht es wohl endlich auch ein kompaktes Abwehrverhalten zum ersten Sieg.

Zumindest könnte der rekonvaleszente Patson Daka die zuletzt in München fahrlässige Chancenauswertung vergessen machen. "Patson ist für Dienstag bereit, wir wissen derzeit aber noch nicht, für wie viele Minuten", sagte Marsch, der sich wohl auch über etwas Stadionatmosphäre freuen wird. Wie im Hinspiel ist in der RZD-Arena Publikum zugelassen - bis zu 8.000 besetzte Plätze dürfen es sein.(may)