Am Ende heißt es genauso wie vor einem Jahr: "Wir waren gut, aber nicht gut genug." Dennoch war nach dem bitteren 0:2 gegen Atletico Madrid am Mittwochabend die Stimmung bei Salzburgs US-Coach Jesse Marsch deutlich getrübter als noch im Vorjahr, als man im Endspiel um den Achtelfinaleinzug der Champions League Liverpool ebenfalls 0:2 unterlegen war und schließlich als Gruppendritter mit der Europa League vorliebnehmen musste. Überstrahlte damals der Stolz auf das Geleistete und die Freude, eine große Mannschaft voll gefordert zu haben, die Enttäuschung, so war Letztere am Mittwoch nach einer ansehnlich-rassigen Partie in der leeren Bullen-Arena dominierend. "Es ist eine Enttäuschung da, es tut sicher weh, ich bin aber auch stolz, dass wir so gut gespielt haben", gab Marsch unumwunden zu.

Dabei hat auch diesmal wieder nicht viel gefehlt, um sich unter die besten 16 Klubs auf dem Kontinent zu spielen: Gegen den spanischen Tabellenführer war der heimische Serienmeister klar feldüberlegen, deutlich aggressiver und bissiger - und vermochte die berüchtigte Betonabwehr von Coach Diego Simeone öfter als erwartet aufzureißen. Doch wie vor einem Jahr gegen Liverpool fehlten mehrmals nur Zentimeter zum ersehnten Führungstreffer, etwa bei einem Stangenschuss von Mergim Berisha (2.). Insgesamt gab es drei, vier hochkarätige Chancen - Dominik Szoboszlai scheiterte allein vor Goalie Jan Oblak (50.), Enock Mwepu traf in Minute 77 ebenfalls nur Aluminium -, zuzüglich wurden etliche weitere Tor-Gelegenheiten verpasst respektive nicht konsequent zu Ende gespielt. Das war auch das Stichwort für Marsch in seinem Match-Resümee: "Es hat viel zu tun mit der nötigen Konsequenz in beiden Strafräumen. Wir haben es nicht schlecht gemacht, aber man muss auch anerkennen, dass wir Gegner mit großer Qualität und zwei der besten Tormänner der Welt in unserer Gruppe hatten", sagte der US-Amerikaner.

Demgegenüber verwertete das Starensemble des Champions-League-Finalisten von 2014 und 2016 die wenigen sich bietenden Chancen eiskalt - respektive nutzten dabei kleine Fehler der Salzburger aus. So beim 0:1 durch Mario Hermoso (39.), der sich per Kopf gegen drei Abwehrspieler durchsetzen konnte und dabei die defensive Baustelle bei Standards neuerlich schonungslos offenlegte (zudem ging dem Ganzen ein unnötiges Foul von Zlatko Junuzovic an Joao Felix im Halbfeld voraus); und vor der endgültigen Entscheidung durch Yannick Carrasco (86.) ging die Abseitsfalle von Andre Ramalho schief.

"Nicht genug Punkte geholt"

Doch fairerweise muss gesagt werden, dass die Achtelfinal-Chance nicht erst am letzten Spieltag vergeben wurde. Mit besserer Startform wären drei Punkte zu Hause gegen Lok Moskau möglich gewesen, mit etwas Glück auch der eine oder andere Punkt bei den Duellen gegen die Bayern beziehungsweise beim höchst unglücklichen 2:3 in Madrid. Dann wäre nämlich der ungute Sieg-Zwang im letzten Spiel weggefallen. Oder wie Marsch sagte: "Wir haben überragend in dieser Gruppe gespielt, unseren Fußball repräsentiert, aber nicht genug Punkte geholt."

Aber beim Was-wäre-wenn-Spiel darf auch die Personalsituation nicht ausgespart werden: Denn dass der aktuelle Nachwuchssturm der Salzburger - bestehend aus lauter 18- bis 22-Jährigen - in gewissen Situationen (noch) versagt, kommt wenig überraschend. Wie sich die Red-Bull-Truppe heuer mit dem abverkauften Vorjahresangriff Erling Haaland, Takumi Minamino und Hee-chan Hwang geschlagen hätte, darf zumindest spekuliert werden. Und da mit Szoboszlai die nächste Salzburger Perle vor dem Verkauf steht, wird auch die Frage gestattet sein, ob ein Champions-League-Achtelfinale mit einem alljährlich neu zusammengewürfeltem Team nicht ohnedies ein zu großes Ziel darstellt - selbst wenn man nicht jedes Jahr mit dem aktuellen Titelverteidiger zusammengelost wird.

Fakt ist aber auch, dass ein Aufstieg mit einer Defensive, die 17 Gegentreffer in 6 Spielen (davon 6 per Kopf) zulässt, eine Mission impossible ist. Nur Ferencvaros Budapest hat von allen Königsklassen-Startern genauso oft den Ball aus dem Netz holen müssen. Dabei war ein verbessertes Defensivverhalten - zumal schon in der Vorsaison das große Manko - vom US-Coach als Marschrichtung ausgegeben worden. Die Quadratur des Kreises gelang auch heuer wieder nicht: Bedingungsloses Pressing, unbändiger Offensivgeist, dazu dichte Abwehrreihen und stets kompromisslos bei Standards - irgendwo muss jede Fußballmannschaft auch Abstriche machen.

Daher geht es für Salzburg im Februar als Gruppendritter in der Europa League weiter. Große Töne wie vor einem Jahr, als von Marsch der Titelgewinn als Ziel ausgerufen worden war, gab es diesmal nicht mehr: "Es ist dieses Mal nicht nötig, das zu sagen", meinte er etwas kleinlaut. "Die Europa League ist auch ein super Turnier. Hoffentlich können wir lernen aus der Gruppenphase, besser spielen als damals und weiterkommen." Damals kam ja gleich in der Runde der letzten 32 gegen Frankfurt das Aus; wer nun der nächste Europacup-Gegner wird, erfahren die diesmal ungesetzten Salzburger am Montag.