Als am 30. Juli 2015 der Wolfsberger AC im mit 30.000 Zuschauern ausverkauften Wörthersee-Stadion Borussia Dortmund zu Gast hatte, war wohl für viele Fußball-Experten klar, dass damit ein einzigartiges Europacup-Highlight in der Klubgeschichte stattfinden würde. Nach tapferem Kampf und etwas unverdienter 0:1-Niederlage folgte damals das Aus in der Europa-League-Qualifikation. Dass der 2012 erstmals in die Bundesliga aufgestiegene Verein fünf Jahre später Klubgeschichte schreiben, in die K.o.-Phase der Europa League einziehen und also ein veritables Fußballmärchen schreiben sollte, konnte sich wohl im und außerhalb des Lavanttals kein noch so verträumter Kopf jemals ausmalen. Und doch ist es seit Donnerstagabend Realität: "Es ist ein unbeschreibliches Gefühl. Dass wir als kleiner WAC in so einer Gruppe überwintern, ist unglaublich", meinte ein überwältigter WAC-Tormann Alexander Kofler bei Siegesfeier nach dem 1:0-Erfolg über Feyenoord.

In erster Linie beeindruckte die auf dem Platz gezeigte Abgebrühtheit der Truppe von Ferdinand Feldhofer, die bis auf eine einzige Chance der Holländer de facto nichts zuließ und ihr (Pressing-)Programm routiniert runterspielte. Der heurige Europacup-Lauf kommt insofern auch überraschend, als die Wölfe - als Schattenseite des Erfolgs - alljährlich einen Aderlass nach dem anderen hinnehmen müssen, der sowohl auf Trainer- als auch Spielerseite nur mit jenem von Dauermeister Salzburg zu vergleichen ist. Die Coaches Christian Ilzer und Gerhard Struber wurden zuletzt von der Trainerbank wegverpflichtet, mit Shon Weissman (zu Real Valladolid) verabschiedete sich immerhin der Torschützenkönig der Bundesliga vor Saisonstart - als einer von einem Dutzend Spielern. Dennoch schaffte es Feldhofer, der als Spieler mit Sturm Graz Champions-League-Erfahrung vorweisen kann, neuerlich eine schlagkräftige Truppe auf die europäische Bühne zu bringen, die die Vorjahresleistungen sogar noch toppen konnte.

Gab es 2019 einen heroischen 4:0-Triumph in Gladbach und zwei Remis gegen die AS Roma - was dennoch nur zum letzten Gruppenplatz reichte -, so setzte man sich heuer in einer starken Gruppe mit ZSKA Moskau, Dinamo Zagreb und Feyenoord klar mit zehn Punkten durch. Und das, obwohl zwischenzeitlich die halbe Mannschaft mit dem Coronavirus infiziert und entsprechend geschwächt war. "Wir haben Geschichte geschrieben und werden uns noch lange an den letzten Monaten erfreuen. Wir sind nicht irgendwie weitergekommen, die Art und Weise war schon beeindruckend", resümierte Feldhofer, der zudem den ersten Heimsieg in der Europa League bejubeln durfte. Auch Kapitän Michael Liendl, Herzstück der Erfolgself, sprach in Superlativen: "International zu überwintern, mit so einem Verein, den keiner auf der Fußball-Landkarte bisher so richtig gesehen hatte, ist schon großes Kino. Das kann dir keiner mehr nehmen, da werden wir auch in 10,15 Jahren noch zurückblicken und sagen, wie geil das war."

Für Liendl liegt das Geheimnis des Erfolges schlicht im Teamgeist: "Wir sind einfach eine überragende Truppe. Es verstehen sich alle gut, es gibt kein Theater, ob wer spielt oder nicht - das ist schon außergewöhnlich und habe ich in der Form noch nicht so erlebt", sagte der 35-Jährige.

Für Klubchef Dietmar Riegler, der es als Ex-Kicker geschafft hat, in der 25.000-Einwohner-Stadt einen nachhaltigen Fußball-Erfolg zu etablieren und aus dem Abstiegskandidaten einen Europacup-Dauergast zu formen, hatte die Sternstunde ästhetische Folgen - er bekam von Kofler per Rasierapparat eine Glatze verpasst.

"Besondere Spiele" warten

Anders als der LASK und Rapid, denen ursprünglich wohl größere Chancen auf den Aufstieg eingeräumt worden waren, darf der WAC nun gespannt der Auslosung des Sechzehntelfinales am Montag (13 Uhr) entgegenfiebern. So wie Champions-League-Umsteiger Salzburg sind die Kärntner ungesetzt - und könnten damit auf Kaliber wie Manchester United, AC Milan oder Bayer Leverkusen treffen. "Wir wissen, dass es höchstwahrscheinlich ein richtig guter Klub sein wird, das werden besondere Spiele", so Feldhofer.