Drama. Einprägsamer könnte der Name der nordostgriechischen Kleinstadt, sieben Autostunden von Athen entfernt, unweit der bulgarischen Grenze gelegen, wohl kaum sein: Drama. Ausgerechnet an diesem Ort erlebt ein sehr unglücklicher Fußballer in diesen vermeintlichen Festtagen sein Drama.

Sein Markenzeichen auf dem grünen Rasen: Er ist pfeilschnell, auch mit dem Ball. Immer noch. Vassilis Koutsianikoulis, 32, offensiver Mittelfeldakteur, der "griechische Messi", wie man ihn im Fußball-verrückten Hellas auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn nannte, wechselte im Mai 2009 für 1,2 Millionen Euro vom damaligen kretischen Erstligisten Ergotelis zum einheimischen Spitzenverein PAOK Saloniki. Zuvor hatte ihn Griechenlands damaliger Nationaltrainer und Europameister-Macher Otto Rehhagel ins Nationalteam berufen. Wäre der flinke Hellene auch torgefährlicher, hätte er wohl locker den Sprung in eine von Europas Top-Ligen geschafft.

Hat er aber nicht. Und das ist nun sein Problem. Sein letztes Pflichtspiel hat der Grieche pikanterweise in seiner 13. Profisaison in Hellas’ zweiter Liga bestritten. Das war am 8. März, vor mehr als neun Monaten. Im Trikot des zentralgriechischen Vereins Olympiakos Volos kickte er just an jenem tristen Sonntag gegen den Inselklub Rhodos. Volos verlor mit 0:1. "Das ist schon so lange her. Daran kann ich mich kaum noch erinnern", sagt Koutsianikoulis.

Dann kam das Coronavirus. Griechenlands zweite Liga stellte auf Geheiß der Regierung unter dem konservativen Premiers Kyriakos Mitsotakis nach dem 23. Spieltag der Saison 2019/20 abrupt ihren Spielbetrieb ein, ohne ihn bis heute wieder aufgenommen zu haben. Die erste Infektionswelle hatte damals auch Griechenland erfasst. Genau seit jener Partie muss Koutsianikoulis Däumchen drehen. Vassilis Koutsianikoulis darf nicht seinem Beruf nachgehen, obgleich er dies durchaus könnte. Er hält sich fit, so gut es geht. Er ist motiviert.

Der Grund für Koutsianikoulis’ Untätigkeit: Sein neuer Verein, Doxa Drama, ein hellenischer Traditionsklub, wartet bis heute vergeblich auf den Saisonstart in Griechenlands zweiter Liga. So wie die übrigen elf Profiklubs in Griechenlands Super League 2. Und so wie die insgesamt 20 Profiklubs in den Gruppen Nord und Süd in Griechenlands dritter Profiliga. 32 Fußball-Profiklubs in der Corona-Zwangspause.

Gesundheitssystem
an seinen Grenzen

Paradox. Denn: Der Spielbetrieb in Griechenlands 14 Klubs umfassender Super League läuft seit dem Saisonstart am 11. September - trotz der schon längst auch in Griechenland rollenden zweiten Corona-Infektionswelle. Die Zuschauerränge bleiben leer, Hygieneprotokolle werden penibel eingehalten. Aber dort rollt der Ball. Immerhin.

Hellas’ 32 Zweit- und Drittligisten beteuern zwar unisono, sie würden genauso wie die 14 Erstligisten auch mit aller gebotenen Sorgfalt die Corona-Regeln einhalten. Freiwillig würden sich Spieler, Trainer und Klubangestellte wiederholt Labortests auf Covid-19 unterziehen. Ihr Aufschrei verhallt jedoch ungehört. Die Regierung bleibt hart. In Europa ist das einmalig. Corona hin, zweiter Lockdown her: Im Rest Europas wird in allen Profiligen gespielt.

Pflichtspiele sind gegenwärtig nur in Griechenlands Oberhaus Superleague und in der ersten Basketball-Liga erlaubt. Ob Handball, Volleyball, Wasserball, Tischtennis oder alle anderen Sportarten: Die Profis müssen von der jeweiligen Top-Liga bis in die unteren Profiligen eine nicht enden wollende Zwangspause einlegen. Tausende Athleten dürfen nicht einmal gemeinsam trainieren. Wer dagegen verstößt, dem wird eine Geldstrafe in Höhe von 150 Euro aufgebrummt. Bei Wiederholung sind gar 1.000 Euro fällig. "Das krude Motto lautet: ‚Wer trainiert, der wird bestraft.‘ Unfassbar. Das zermürbt. Physisch. Psychisch. Das ist für unsere Körper fatal. Auch für die Psyche ist das alles katastrophal. Wir leben im Chaos", sagt Koutsianikoulis.

Fakt ist: Die zweite Infektionswelle trifft Hellas mit voller Wucht. Die Fallzahlen sind explodiert. Bis dato starben am Peloponnes fast 5.000 Menschen an oder mit dem Coronavirus. Das nach dem Beinahe-Staatsbankrott im Frühjahr 2010 kaputtgesparte Gesundheitssystem stößt an die Grenze seiner Belastbarkeit. Auch die Stadt Drama ist ein Corona-Hotspot. Die Regierung hat den seit dem 7. November geltenden landesweiten Lockdown bis zum 7. Januar verlängert. Das gilt auch für Koutsianikoulis und Co. Bis Jahresende haben die griechischen Zweit- und Drittliga-Profis schon 300 Tage ohne Spielpraxis ausgeharrt. Die Trainer warnen vor den Langzeitfolgen. Sie fürchten, dass manche Akteure die Schuhe an den Nagel hängen könnten und notgedrungen den Job wechseln.

Die Wut, das Unverständnis wächst. Auch die Unsicherheit, wie es denn weitergehe, grassiert. Nicht nur sportlich, sondern auch finanziell. Beispiel Fußball: Das Gros von Griechenlands Fußball-Zweit- und Drittligisten, so wie die Erstligisten allesamt Fußball-AGs, steht vor dem finanziellen Ruin. Der Grund: null Fernsehgelder, null Werbeeinnahmen, null Ticketerlöse.

Die Klubeigner, alles Griechen, erhalten schon in normalen Zeiten nur mit kräftigen Kapitalspritzen aus eigener Tasche ihre trotz Mini-Etats meist chronisch defizitären Vereine am Leben. Wegen des Wirtschaftseinbruchs sind die Unternehmer nun selbst mit ihren Firmen außerhalb des Fußballs in die Bredouille geraten. Faktisch heißt das: kein Geld mehr für die schönste Nebensache der Welt.

Das spüren nicht zuletzt die Kicker. "Was sich derzeit in den Vereinen finanziell abspielt, ist unfassbar. Kein Kommentar", poltert Koutsianikoulis. Dabei sind die Spieler in den Niederungen des Profifußballs hart im Nehmen. Sie haben nicht selten mit einem Mini-Gehalt von ein paar hundert Euro pro Monat sich und ihre Familien über die Runden zu bekommen. Da fehlen die Reserven. Nun bleiben die unfreiwillig inaktiven Brotbringer unbezahlt.

16 Jahre nach den Olympischen Sommerspielen in Athen und dem Gewinn der Fußball-EM in Portugal herrscht in Griechenlands Profi-Sport in allen Sportarten eine unsägliche Misere. Das Coronavirus hat dem darbenden Profisport hierzulande den Rest gegeben. Tristesse pur. Oder: ein griechisches Drama.