Auch wenn eine Fußball-Europameisterschaft mit Publikum aktuell ziemlich utopisch erscheint - ein Großteil der aufgelegten drei Millionen Eintrittskarten für die von 2020 auf kommenden Sommer verschobenen Großveranstaltung wurde nach wie vor nicht zurückgegeben respektive storniert. Schließlich hoffen alle Fußballfans, von 11. Juni bis 11. Juli doch irgendwie dabei sein zu können. Vor allem jene der neun Gastgebernationen, die sich für die paneuropäischen Spiele im 24er-Feld qualifiziert haben - diese hätten ja nicht weit zu reisen. Wobei sich dieser Vorteil durch die jüngste Änderung der Ticket-Rückerstattungsrichtlinien als tückisch erweisen könnte: Denn wie die "Wiener Zeitung" am Freitag als erstes deutschsprachiges Medium berichtet hat, gibt es selbst bei kurzfristigen Spielortverlegungen wegen der Corona-Pandemie keinen Anspruch auf Refundierung der Ticketkosten. Es sei denn, man storniert seine längst bezahlten Eintrittskarten noch vor dem 26. Jänner.

"Skandalös", "Erpressung"

Dieser Passus, der am Donnerstag hunderttausenden Antragsstellern recht gut versteckt übermittelt wurde, sorgt nun für große Empörung bei den Fans - querbeet in Europa in diversen Internet-Foren. Von "absolut skandalös" und "Fans sind nur die Cashcow" (im britischen "The Athletic") bis zu "Na servas,was für eine Verars***" und "die Uefa hält sich wiedermal irrtümlich für eine gesetzgebende Institution" (im "Standard"-Forum) reichen die Kommentare. Auf der Homepage der ARD-Sportschau wird der Three-Lions-Fan Jonathan Reece aus Köln zitiert, der den Zuschlag zu fünf EM-Partien bekommen hatte. "Ich habe 500 Euro für die Karten ausgegeben. Wenn unklar ist, wo die Spiele stattfinden, will ich die Karten aber nicht mehr haben. Ich kann doch jetzt noch gar nicht sagen, ob ich in die jeweiligen Länder reisen kann oder will", sagte er. "Das Risiko, das Geld zu verlieren ist mir zu groß. Und ich bin nicht bereit, mich von der Uefa erpressen zu lassen", so Reece, der seine Karten umgehend storniert hat.

Der europäische Fußballverband kommt nun den Fans insofern etwas entgegen, als er bei etwaigen Spielortverlegungen Augenmaß verspricht. Dabei würde auf "Faktoren wie vertretbare Reisedistanzen" geachtet, heißt es in einer Uefa-Erklärung gegenüber der "Wiener Zeitung". Rechtsanspruch darauf haben Kartenbesitzer allerdings nicht, denn dies fand nicht Eingang in die neuen Ticket-Richtlinien. Sehrwohl jedoch, dass "Epidemie und Pandemie" als "höhere Gewalt" gelten und der Antragsteller in diesem Fall keinen Anspruch auf Rückerstattung der Tickets hat, "wenn er das neu angesetzte Spiel nicht besuchen kann".

Die Uefa legt zwar Wert auf die Feststellung, dass der Passus mit der Spielortverlegung auch ursprünglich Bestandteil des Vertrages war, allerdings fehlten - lange vor Corona - noch "Epidemie und Pandemie" auf der Liste, was als "höhere Gewalt" zu gelten hat. Zu der auf der Hand liegenden Frage, warum die seit gut einem Jahr wütende Corona-Pandemie immer noch als "höhere Gewalt" gilt, gab die Uefa kein Statement ab.

Klarheit Ende der Woche

Auch im ÖFB beschäftigt man sich seit dem Wochenende intensiv mit der neuen Richtlinie: Immerhin wurden für die drei Vorrundenspiele in Bukarest (Gegner Nordmazedonien und Ukraine) und Amsterdam (Niederlande) Zehntausende Karten für eingefleischte Fans der Nationalmannschaft vergeben - offizielle Fan-Gruppierungen und Mitglieder des ÖFB-"Insider"-Clubs wurden dabei vorrangig behandelt. Wie genau diese Länder-Ticket-Kontingente im Falle von Spielortverlegungen betroffen sind, ist beim ÖFB allerdings noch unklar - möglicherweise gibt es hier Ausnahmen; dazu soll es bis Ende der Woche per Videokonferenzen mit relevanten Verantwortlichen Klarheit und danach eine entsprechende Mitteilung geben, hieß es am Montag auf Anfrage. Zeit, die Karten zu stornieren, bliebe bis 26. Jänner dann also immer noch.

Ob die EM mit Publikum beziehungsweise überhaupt stattfinden kann, wird dann freilich noch nicht entscheiden sein. Laut Uefa soll diesbezüglich bis März - zuletzt wurde als Stichtag der 5. März genannt - endgültige Klarheit herrschen. Zuletzt mehrten sich die Stimmen - vor allem aus Deutschland -, dass ein derart großes Kontinentalturnier (mit 51 Matches in 12 verschiedenen Städten) heuer völlig utopisch sei. Offiziell hält die Uefa freilich am ursprünglichen Plan fest und will lediglich für die Gastgebernationen fixe Stadien-Kontingente festlegen. Dabei soll es vier Varianten geben: volle Auslastung; 50 bis 100 Prozent Auslastung; 20 bis 30 Prozent Auslastung; oder Geisterspiel. Kommt es zu Kontingentierungen, dann haben Besitzer von Eintrittskarten freilich vollen Anspruch auf Kostenrefundierung, wenn ein Ticket verfällt. Zudem hat die Uefa bereits Einlassbedingungen festgelegt - auf Maskenpflicht, Schnell- oder PCR-Tests wird man sich jedenfalls einstellen müssen.