Das Maracanã-Stadion in Brasiliens Metropole Rio de Janeiro hat schon viele historische Fußballspiele erlebt; die Narben, die das Maracanazo, das entscheidende Spiel um die Weltmeisterschaft 1950, das Brasilien gegen Uruguay verlor, ins kollektive Gedächtnis der stolzen Fußballnation gebrannt hat, sind noch immer nicht vollständig geheilt. Dass man am WM-Finale 2014 am selben Ort dank eines 1:7 gegen den späteren Titelgewinner Deutschland in der Vorschlussrunde gar nicht mehr dabei sein konnte, machte es nicht viel besser. Doch an diesem Samstag ist Feierstimmung der brasilianischen Fans garantiert - und genau das bereitet den Behörden nun Sorgen.

Denn wieder einmal beherbergt das für die WM 2014 (bis zur Unkenntlichkeit umgebaute und dennoch immer noch als Nationaldenkmal geltende) Stadion ein ganz besonderes Match - und, so viel steht jetzt schon fest, einen brasilianischen Sieger. Im Finale der Copa Libertadores, des südamerikanischen Pendants zur Champions League, treffen Palmeiras und der FC Santos aufeinander, beide aus Brasilien, beide aus Sao Paulo.

Es ist, zwei Jahre nach einem rein argentinischen Finale, das erste Mal seit dem Triumph des FC Sao Paulo 2005, des nächsten Giganten in Brasiliens Fußball, das erste rein brasilianische Endspiel um die begehrteste Trophäe im südamerikanischen Klub-Fußball - und das Ticket für die kommende Woche in Katar stattfindende Klub-WM.

Anders als dort, wo vieles schon auf den Auftritt des europäischen Champions-League-Siegers FC Bayern wartet und eine 30-prozentige Stadionauslastung erlaubt ist, wird das Maracanã-Stadion am Samstag keine Zuschauer beherbergen, die Covid-19-Situation lässt dies nicht zu. Was auf den Straßen passiert, darauf haben alle Warnungen und Vorschriften, die unter dem rechtspopulistischen Präsidenten Jair Bolsonaro ohnehin eher lasch sind, keinen Einfluss - und das, obwohl das Gesundheitssystem in vielen Gebieten längst kollabiert und der Bundesstaat Rio unter jenen ist, die die höchsten Infektionszahlen aufweisen.

Schon nach dem 3:0-Sieg im Halbfinalrückspiel gegen die Boca Juniors aus Argentinien strömten die Menschen in Massen auf die Straßen und ließen im Rausch der Euphorie alle Vorsichtsmaßnahmen ertrinken. Ähnliches könnte wohl am Samstag passieren - Ausschreitungen wegen des "Derbycharakters" inklusive, auch wenn die beiden Vereine nicht als die größten Erzrivalen im brasilianischen Fußball gelten.

Genau genommen teilt man sich die Aufmerksamkeit sogar ein bisschen. Palmeiras, gegründet von italienischen Einwanderern und in engem Kontakt mit dem schottischen Spitzenklub, ist dem FC Santos sogar an nationalen Meistertiteln voraus (und schaffte nach dem finanziellen Beinahe-Bankrott Anfang der Millenniumsjahre im Zuge des Konkurses von Sponsor Parmalat, der auch den sportlichen Abstieg zur Folge hatte, wieder den Sprung nach oben), dennoch ist der Rivale international als Ex-Klub von Granden wie Pelé und Neymar bekannter. Pelé war in den goldenen Sechzigern des Klubs an zwei von bisher drei Copa-Libertadores-Erfolgen (und in Folge auch an zwei Weltpokal-Siegen) beteiligt, Neymar am jüngsten im Jahr 2011. Heute noch schickt er mit schöner Regelmäßigkeit virtuelle Liebesgrüße aus Paris in seine ballestrische Heimat. Freilich würde der bisher teuerste Kicker der Welt auch diesmal einen Titelgewinn seines Ex-Klubs feiern - wenn auch nicht im Maracanã-Stadion und nicht auf den Straßen von Rio de Janeiro.