Wer den Schaden hat, braucht für den Spott gar nicht erst zu sorgen, und zumindest auf Bayer Leverkusen trifft dieser Spruch dieser Tage zu. Mit einem 1:2 nach Verlängerung musste sich der deutsche Bundesligist aus dem DFB-Pokal verabschieden und damit alle Hoffnungen auf einen Titelgewinn, die nicht zuletzt durch das Ausscheiden des ansonsten übermächtig scheinenden FC Bayern in der Runde davor gegen Holstein Kiel gestiegen waren, aufgeben. Waren vor wenigen Wochen noch die Münchner das Gespött des DFB-Pokals gewesen, so traf die Häme die Leverkusener nun noch härter. Denn sie unterlagen gar einem Viertligisten, dem Klub Rot-Weiß Essen.

"Ich habe Mitgefühl mit Leverkusen, seit dem Lockdown habe ich auch Probleme mit Essen", schrieb ein User auf Twitter eher halblustig. Ein anderer erinnerte daran, dass Essen mit diesem Sieg sowie jenem in der Pokal-Auftaktrunde über Arminia Bielefeld in dieser Saison schon zwei Erfolge über Bundesligisten gefeiert habe - und damit "mehr als Schalke 04".

Dabei ist es genau jener Vergleich mit weiter oben angesiedelten Klubs, jene Diskrepanz zwischen dem Anspruch eines Vereins, der 1953 Cupsieger, 1955 immerhin deutscher Meister und als einer der ersten Vertreter des Landes im Meisterpokal war, der die Essener in der jüngeren Vergangenheit verlässlich scheitern ließ.

"Spieler wechseln wie Freier im Bordell"

Denn seit der Konsolidierung nach der Insolvenz 2010 ist es das Bestreben, in die dritte Liga und damit den Profifußball zurückzukehren, doch die Mittel stellten sich als untauglich heraus. Ständige Trainer- und Spielerwechsel verhinderten einen kontinuierlichen Aufbau, "man hatte zeitweise das Gefühl, dass die Spieler hier so oft wechseln wie die Freier im Bordell", wird Uwe Strothmann in einem Klub-Porträt, das das Magazin "Elf Freunde" im vergangenen Jahr veröffentlicht hat, zitiert.

Strothmann betreibt den Fan-Blog "Im Schatten der Tribüne", am Mittwoch in der Früh stand dort zu lesen: "Was hier und heute bleibt, ist das Rot-Weiß Essen, in welches wir uns verliebt haben. Eine Mannschaft, die arbeitet bis zum Umfallen, um auch unser Leben ein wenig glücklicher zu gestalten. Für einen Tag ist die Hafenstraße 97a wieder Mythos. Dieser Mythos, der wir so viele Jahre nicht mehr sein konnten, weil immer irgendwas dazwischen kam. Es wird sicher auch jetzt immer mal wieder etwas dazwischen kommen auf unserem Weg. (. . . ) Wir brauchen endlich nicht mehr von vergangenem Ruhm zu zehren. Diese Mannschaft baut neuen Ruhm für uns und unsere Farben auf."

Pathos und Banalitäten

Es ist auch dieses Pathos, der Rot-Weiß Essen etwas Besonderes verleiht. Allen Rückschlägen zum Trotz strömen die Fans in einer für die Niederungen des Amateurfußballs bemerkenswerten Zahl ins Stadion - wenn sie gerade dürfen. Am Dienstag freilich durften sie Corona-bedingt nicht, dafür feierten sie die Mannschaft noch bis in die Nacht mit einem Autokorso, Hupkonzerten und Feuerwerk.

Doch es ist auch etwas Banaleres, das die Mannschaft am Dienstag zum Erfolg führte: Leverkusen konnte aus seiner spielerischen Überlegenheit auf tiefem Boden keinen Vorteil schöpfen, Tormann Daniel Davari machte die Chancen, die nicht Aluminium vereitelte, zunichte, und Simon Engelmann erwies sich mit seinem Siegtreffer wieder einmal als Mann für die wichtigen Tore. Beide waren im Sommer von der Liga-Konkurrenz geholt worden, nachdem die vergangene Saison zu einem Zeitpunkt, als Rot-Weiß noch um den Aufstieg kämpfte, abgebrochen worden war. Aktuell liegt die Mannschaft bei einem Spiel weniger zwei Punkte hinter Tabellenführer Dortmund II.

Kann sein, dass es sich wieder nicht ausgeht. Doch für den Spott dürfen diesmal andere sorgen.