Statistisch gesehen gibt es den Trainereffekt nicht. Damir Canadi tritt den praktischen Gegenbeweis an: Vier Tage war der 50-Jährige im Amt, als seine Altacher am vergangenen Sonntag in Wolfsberg mit 1:0 gewannen. Oberstes Ziel am Weg zum Klassenerhalt ist die Stabilisierung der Defensive. "Das Schiff muss aufhören zu wackeln, bevor wir es in die richtige Richtung bringen können", sagt Canadi, der Altach zwischen 2013 und 2016 erfolgreich betreut hat. Nach bewegten Auslandsstationen beim 1.FC Nürnberg und zweimalig bei Atromitos Athen ist Canadi nach Österreich zurückgekehrt. Wurde der Wiener in Griechenland 2018 noch zum "Trainer des Jahres" gewählt, endete die zweite Amtszeit in Athen mit der Entlassung Anfang Februar. Im Interview mit der "Wiener Zeitung" spricht Canadi vor dem Heimspiel gegen den LASK (Samstag, 17 Uhr) darüber, warum er in Altach unterschrieben hat, was er bereits verändern konnte und welche Entscheidungen in Zeiten der Pandemie zu akzeptieren sind.

"Wiener Zeitung": Herr Canadi, zum Einstand gab es gleich einen Sieg. Was haben Sie in der Kürze verändert?

Damir Canadi: Ich weiß nicht, ob ich dazu schon so viel beitragen konnte. Wir haben vor allem Gespräche mit den Spielern geführt. Die Mannschaft hat zuletzt viele Tore bekommen, also haben wir uns vorgenommen, stabil zu werden und zu null zu spielen. Das ist geglückt. Im ersten Spiel hatten wir den Vorteil, dass der Gegner uns im Vorfeld nicht analysieren konnte. Das ist jetzt gegen den LASK anders.

Sie sind nach über vier Jahren zurück in Altach. Es wird schwer werden, noch einmal so erfolgreich zu sein wie beim ersten Mal. Warum tun Sie sich das an?

Der Klub hat mich gebeten, in einer schwierigen Situation zu helfen. Das Timing war nach der kurz zuvor erfolgten Freistellung in Athen perfekt. Es ist für mich auch eine Möglichkeit, dem Klub etwas zurückzugeben. Ich bin in Altach mit meiner Karriere so richtig durchgestartet. Jetzt haben wir das kurzfristige Ziel, in der Liga zu bleiben.

Sie konnten zuletzt Ihre Familie aufgrund der Reisebeschränkungen kaum sehen. Sind Sie auch deshalb nach Österreich zurückgekehrt?

Ja, Corona hat hier auch eine Rolle gespielt. Es haben einige Faktoren gut zusammengepasst.

Sie haben das Aus bei Atromitos schon angesprochen. Warum wurde die Zusammenarbeit beendet?

Atromitos hat in meiner Karriere eine wichtige Funktion. Beide Seiten haben voneinander profitiert. Die zweite Ära war aber etwas anders. In Griechenland ist man vom Präsidenten finanziell stark abhängig. Und das Geschäft ist, wohl auch aufgrund der Pandemie, nicht wie gewünscht gelaufen. Dadurch waren nicht so gute Transfers möglich wie in der Vergangenheit. Und auch die Laune des Präsidenten war anders. Leider wurde die Trennung dann in der Emotion beschlossen, obwohl das Team gerade im Umbruch war.

"Den neuen Play-off-Modus sehe ich sehr positiv, weil es dank der Punkteteilung lange spannend bleibt."

Damir Canadi über die Entwicklung der österreichischen Liga.

Mit Atromitos haben Sie immer wieder beachtliche Ergebnisse gegen Favoriten wie PAOK Saloniki oder AEK Athen geschafft. Gegen kleinere Teams gab es aber öfters Enttäuschungen. Worauf führen Sie das zurück?

Wir haben nach dem Umbau in der Winterpause auch gegen kleinere Vereine bessere Ergebnisse erzielt. Ich habe verstärkt eigene Nachwuchsspieler eingebaut, die gute Leistungen gebracht haben. Die kurzfristigen Ergebnisse wurden aber höher bewertet. Der Präsident legt das Hauptaugenmerk aufs Geld, und wenn er Spieler bezahlt, die mehr kosten, dann müssen die spielen. Leider ist nach meinem Abgang jetzt alles zusammengebrochen, wenn man sich die Ergebnisse ansieht.

Wie hat sich die österreichische Liga während Ihrer Auslandsjahre verändert?

Den neuen Play-off-Modus sehe ich sehr positiv, weil es dank der Punkteteilung lange spannend bleibt. Es ist damit nie frühzeitig entschieden, wer absteigt, in den Europacup kommt oder Meister wird. Auch vom sportlichen Niveau her hat sich die Liga richtig gut entwickelt. Der LASK und der WAC können im Europacup überraschen. Zu dieser Leistungssteigerung hat Red Bull Salzburg sehr viel beigetragen - auch mit den Leihspielern.

In Altach hat sich während Ihrer Abwesenheit auch infrastrukturell mit dem Stadionumbau viel getan.

Der Verein hat einen Riesensprung gemacht. Man muss da auch mitziehen, sonst hat man langfristig keine Chance. Es gibt hier viel Potenzial für eine gute Weiterentwicklung. Das Stadion ist teilweise europacupreif und wird es bald auch zur Gänze sein.

Ist es Ihr langfristiges Ziel, mit Altach in die Europa League einzuziehen?

Das Team in diese Richtung zu entwickeln, wäre ein großer Traum. Warum auch nicht? Der WAC und Hartberg zeigen es vor. Momentan sind wir noch weit davon entfernt. Jetzt gibt es nur das Ziel, in der Liga zu bleiben.

Sie haben Ihren spanischen Co. von Atromitos, Manu Hervas, mitgenommen. Was bringt er ein?

Er übernimmt viel Verantwortung, hat die Trainingssteuerung und die Organisation im Blick. Das macht er richtig gut. Manu ist ein junger aufstrebender Trainer, der zu 100 Prozent für den Fußball lebt. Das trifft sich gut, weil ich genauso arbeite. Er bringt viel im offensiven, spielerischen Bereich ein. Die spanische Fußballschule hat ihn geprägt. Im taktischen Bereich ist es eine Chefentscheidung, aber es gibt Dinge, die ich gerne auch abgebe.

"Diese Entscheidungen sind in gewisser Hinsicht dubios. Die Pandemie führt dazu, dass solche Schritte gesetzt werden. Diese Entwicklung ist schwer zu verstehen, aber es scheint der einzige Weg zu sein."

Damir Canadi über die Verschiebungen im Europacup.

Zuletzt hat man in Altach auf Einkäufe von Altstars wie Sidney Sam, Chinedu Obasi und Neven Subotic gesetzt. Wie passt die Kaderzusammenstellung zu Ihrer Philosophie?

Das stört mich grundsätzlich nicht, die Namen sind aber nicht entscheidend. Es zählt nur die Leistung. Das gilt für jeden Spieler, unabhängig davon, wo jemand in seiner Karriere einmal war. Wir brauchen einen guten Mix. In jedem Team gibt es verschiedene Rollen.Spieler wie Obasi oder Subotic können bei der Entwicklung junger Spieler schon hilfreich sein.

Sie waren immer stark in die Kaderplanung involviert. Werden Sie im Sommer viel verändern?

Natürlich ist es so, dass die Kaderplanung parallel zum Abstiegskampf läuft. Der Kader ist sehr groß, vielleicht sogar zu groß. Die Überlegungen beginnen jetzt, damit wir im Sommer die richtigen Entscheidungen treffen können.

Sie kehren einer Zeit zurück, in der aufgrund der Corona-Krise keine Fans in den Stadien erlaubt sind. Wie geht es Ihnen damit?

Wir würden uns alle wünschen, dass Fans in den Stadien sind. Es fehlt die Atmosphäre. Aber wir sind auch froh, dass wir überhaupt Fußball spielen dürfen. Ich bekomme natürlich mit, wie sehr sich die Fans wünschen, dass sie wieder im Stadion sein können. Hoffentlich ist es im Sommer so weit.

Mitten in der Pandemie werden Europacupspiele zwischen englischen und portugiesischen Teams in Griechenland ausgetragen, der WAC hat Tottenham in Budapest empfangen. Hat das Fußballgeschäft ohne Kontakt zu den Fans endgültig den Bezug zur Realität verloren?

Ja, diese Entscheidungen sind in gewisser Hinsicht dubios. Die Pandemie führt dazu, dass solche Schritte gesetzt werden. Diese Entwicklung ist schwer zu verstehen, aber es scheint der einzige Weg zu sein, um diese Bewerbe zu Ende spielen zu können. Es macht keinen großen Spaß, aber wir akzeptieren das.

2004 haben Sie als Viertliga-Trainer das Ziel formuliert, innerhalb von zehn Jahren in der Bundesliga sein zu wollen, was Ihnen mit dem Altacher Aufstieg 2014 gelungen ist. Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Planen ist im Fußball schwierig, aber mein Ziel ist es, möglichst gute Teams zu trainieren. Die Gegenwart ist die österreichische Bundesliga. Ich hoffe, dass wir die Liga halten, und dann schauen wir, wie es weitergeht. Es wäre schon schön, einmal Teams zu coachen, die in den internationalen Bewerben spielen. Es liegt nur an der eigenen Performance, ob und wie man dort hinkommt. Der Trainer braucht den Erfolg der Mannschaft, damit er seinen Weg machen kann.