Möglicherweise gab es in Liverpool ein großes Aufatmen, nachdem bekannt geworden war, dass nicht in Anfield gespielt werden muss. Sondern dass das Achtelfinal-Rückspiel in der Champions League - so wie das Hinspiel - in Budapest über die Bühne geht, weil sonst Gegner RB Leipzig eine längere Quarantäne drohen würde. Lieber ein Fernspiel als Heimspiel statt Anfield? Vor der Corona-Pandemie wäre jeder Fußballfan, der derlei in den Raum geworfen hätte, taxfrei für verrückt erklärt worden. Doch mittlerweile ist evident, dass offenbar der legendäre Zauber der mythenumrankten LFC-Heimstätte nur wirkt, wenn diese auch mit Zuschauern besetzt ist. Denn das bedeutendste Heiligtum des englischen Klubfußballs ist zu einer Art Mausoleum mutiert, das selbstredend nicht mehr in der Lage ist, dem Gegner Tore zu schießen (wie Jose Mourinho einst keck behauptete), sondern die eigene Mannschaft in eine tiefe Krise manövriert hat.

Die jüngste Niederlage (0:1) gegen Nachzügler Fulham am Sonntag war die sechste Heim-Niederlage in Folge. Dass derlei als epochal zu bewerten ist, zeigt die Tatsache, dass es eine ähnliche Misere in Anfield zuletzt 1953/54 gab (mit sechs Heimpleiten in einer Saison). Damals folgte übrigens - als abgeschlagener Letzter - der Abstieg aus der First Division. Nur zur Erinnerung: Der Klub von Jürgen Klopp ist amtierender Meister der Premier League und hat 2019 die Königsklasse gewonnen. Die auf Rang acht abgerutschten Reds haben also einen Erfolg in der Champions League ganz oben auf der Agenda, um die heurige Saison mit einem Titel irgendwie zu retten - alle anderen Chancen sind nämlich schon perdu.

Schwierige Phase für Klopp

Vielleicht liegt es aber auch gar nicht an Anfield, sondern an einer Fülle an Ursachen, warum die Reds heuer - nach keinem schlechten Start - so zurückgefallen sind: Verletzungspech; eine überspielte, satte Truppe; die sich erschöpft habenden Motivationsphrasen von Klopp; kein glückliches Händchen beim Nachschub an erstklassigen Stars? Wer weiß das schon - am wenigsten tut es Klopp selber, der nach der Fulham-Pleite ratlos wirkte und von "der schwierigsten Situationen in meiner Trainerkarriere" sprach: "Die Jungs haben es immer noch drauf, aber sie können es gerade nicht zeigen. Es wäre ein Meisterstück herauszufinden, wie man das über Nacht ändern könnte", dozierte der Deutsche.

Ich weiß, dass ich nichts weiß - davon wird man im Fußball freilich so schnell nicht schlau. Und darob wird das Duell mit den Sachsen von einigen Beobachtern schon auch zu einem Schicksalspiel für die Trainerlegende Klopp hochstilisiert. Aber vielleicht wüsste Klopp ohnedies, was zu tun ist, sollte seine Truppe den im Hinspiel relativ leicht herausgeholten 2:0-Vorsprung noch vergeigen. Immerhin wird im Sommer ja der DFB-Teamchefposten frei - nach sechs ruhmreichen Insel-Jahren zweifelsfrei der nächste Traumjob für den Schwaben.

Zugleich sorgt die Reds-Krise bei der Red-Bull-Truppe aus Leipzig - immerhin Vorjahres-Halbfinalist - für einen zusätzlichen Motivationsschub. Die Elf von Julian Nagelsmann schwebt ohnedies seit Wochen auf Wolke sieben, feierte in Bundesliga und Pokal acht Siege hintereinander. Da gilt es also eher, den Ball verbal flach zu halten. "Uns interessieren die Liga-Ergebnisse von Liverpool nicht, denn aktuell sind wir der Verlierer des Duells. Deshalb sind wir nicht der Favorit, sondern der Herausforderer", meinte Nagelsmann. Mut dürften Leipzig zwei Fakten machen: Zum einen resultierten beide Liverpool-Tore im Hinspiel aus Blackouts. Zum anderen hat RB offensiv wieder zu seinem Spiel gefunden, schoss in den vergangenen vier Spielen elf Tore. Bei den Sachsen könnte auch ÖFB-Offensivkraft Marcel Sabitzer wieder mit dabei sein - der Kapitän verpasste am Wochenende das 3:0 in Freiburg wegen Wadenproblemen, saß aber im Flieger nach Budapest. Der Steirer wird nach seinem folgenschweren Fehler vor dem 0:1 im Hinspiel zusätzlich motiviert sein.

Barca rennt 1:4 hinterher

Im zweiten Achtelfinalspiel steht Barcelona vor einer schier unlösbaren Aufgabe: Paris Saint-Germain hat das Hinspiel im Camp Nou nach einer Galavorstellung von Kylian Mbappe mit 4:1 klar für sich entschieden. Allerdings: Vor fast exakt vier Jahren warf Barcelona die Pariser nach einem legendären 6:1 im Rückspiel noch aus dem Bewerb - allerdings vor heimischem Publikum. Doch auch PSG-Coach Mauricio Pochettino gab sich philosophisch und merkte an, dass sein Team von der Vergangenheit "unberührt" sei. "Wer sich auf die Vergangenheit konzentriert, limitiert seine Möglichkeiten für die Zukunft."