Als Henry de Winton am Palmsonntag, den 7. April 1895 im walisischen Tenby einer Grippeinfektion erlag - und das kam im 19. Jahrhundert öfter vor -, nahm von seinem Ableben kaum jemand Notiz. Lediglich die "Montgomeryshire Express and Radnor Times" vermeldete den Tod des gebürtigen Walisers und dies wohl auch nur aufgrund seiner hochgestellten Funktion als geweihter Priester und Erzdekan der Church of England. Niemand ahnte, dass De Winton, der eigentlich Henry Wilkins hieß, posthum als Erfinder der ersten klubübergreifenden Fußballregeln in die Sportgeschichte eingehen würde. 1846, also vor 175 Jahren, hatte er gemeinsam mit seinem Schul- und Studienfreund John Charles Thring, der ebenfalls eine Karriere als anglikanischer Kleriker anstrebte, an der Universität Cambridge erstmals Matches unter einheitlichen Regeln ausgerichtet. Zwar existierten damals in Westminster, Eton, Charterhouse, Harrow und Shewsbury bereits Fußballklubs, nur kickte jeder Verein nach eigenen Regeln, sodass an ein Zusammenspiel der aus allen Teilen des Landes stammenden Kommilitonen an der Universität nicht zu denken war.

Jedenfalls sorgte das Duo auf dem Campus für gehörige Aufregung, nur wirklich populär wurde der Kick, den die Spieler auf dem Rasen von Cambridge boten, zunächst kaum. "Das größte Hindernis war Rugby", notierte Thring Jahre später rückblickend. Tatsächlich war es nicht nur der etablierte Rugby-Sport, der dem aufkommenden Fußball Konkurrenz machte, auch kapierte nicht gleich jeder, was genau da gespielt wurde, zumal die von De Winton und Thring erdachten Cambridge-Rules auf den ersten Blick weder mit dem einen noch mit dem anderen etwas zu tun zu haben schienen. 15 bis 20 Spieler, die zwar den Ball mit der Hand fangen und halten, aber beim Laufen nicht tragen durften? Selbst das Hintreten auf den Ball soll verboten sein? Die Kritiker bogen sich vor Lachen und waren sich bald einig: So seltsam und vor allem unmännlich, wie der Fußball daherkam, wird das nichts. Nun, sie sollten sich täuschen.

Verspäteter Triumph

John Charles Thring gilt als Miterfinder der allgemeinen Fußballregeln. - © Wikipedia
John Charles Thring gilt als Miterfinder der allgemeinen Fußballregeln. - © Wikipedia

Allerdings mussten sich die Erfinder des modernen Fußballs noch mehrere Jahre gedulden, bis sich die englischen Vereine ein einheitliches Regelwerk gaben. Am 26. Oktober 1863 trafen sich zu dem Zweck Klubvertreter aus ganz England im Freemasons’ Tavern in Covent Garden in London, um das Problem, das De Winton und Thring 17 Jahre früher zu lösen versucht hatten, zu erörtern sowie einen landesweiten Verband zu gründen - die Football Association (FA). Die Ansichten über die zulässige Härte des Spiels sowie zu modernen Ideen wie der Handspielregel waren derart unterschiedlich, sodass es vier zusätzlicher Treffen bedurfte, bis das neue Regelwerk am 5. Dezember 1863 veröffentlicht werden konnte. Damit war die Ausrichtung internationaler Spiele, also innerhalb des Vereinigten Königreichs, endlich möglich; gleichzeitig aber auch die definitive Trennung des Fußballs vom Rugby vollzogen.

Die Cambridge Rules (im Bild eine Ausgabe von 1856) ging als das erste Fußball-Regelwerk in die Geschichte ein.
Die Cambridge Rules (im Bild eine Ausgabe von 1856) ging als das erste Fußball-Regelwerk in die Geschichte ein.

Die Unterschiede zwischen beiden Spielweisen sind bis heute so identitätsstiftend wie grundlegend und De Winton und Thring feierten damit einen, wenn auch späten Triumph. Die auf den Cambridge Rules von 1846 basierenden FA-Regeln verboten fortan nicht nur das Handspiel (mit Ausnahme des bis 1871 zulässigen Fair Catches), sondern auch jedes Treten und Beinstellen. Durch ihren Beitritt zur FA erklärten sich die Mitglieder einverstanden, nur gegen Vereine zu spielen, die ebenfalls Mitglied in der FA waren und daher nach dem gleichen Regelwerk spielten. Dabei wurde dieses Regelwerk nahezu jährlich evaluiert, revidiert und ergänzt - etwa um den Eckball (1866) oder den Frei- und Strafstoß (1891). Die Reduzierung der Zahl der Feldspieler auf elf erfolgte 1870, ein Jahr später das grundsätzliche Handspielverbot, mit Ausnahme des Torhüters freilich. Parallel wurden die ersten Vorschriften zur Spielkleidung (1864), zur Begrenzung der Torhöhe auf exakt 2,44 Meter (1865), zur Ballgröße (1872) und zur Beschaffenheit des Spielfelds, das ab 1896 "frei von Bäumen und Sträuchern sein" musste, erlassen.

Binnen 150 Jahren folgten zahlreiche Ergänzungen und Präzisierungen. Die Palette reicht von den Auswechslungen und Pausen über die Linien und Rückennummern bis hin zu den Torhütern und der Anerkennung von Toren. Zudem wurden nach und nach klare rote Linien beim Foulspiel eingeführt, also etwa zwischen "vorsätzlichem", "absichtlichem" und "gefährlichem" Spiel unterschieden, um Reminiszenzen an Rugby einen Riegel vorzuschieben. Während sich die meisten Vorgaben - mit Ausnahme der Golden und Silver Goals der Jahrtausendwende - als langlebig erwiesen und bis heute noch unverändert Anwendung finden, herrschte mit Blick auf zwei Regelkomplexe nahezu ständig Diskussionsbedarf: beim Abseits und bei den Schiedsrichtern.

Abseits: Das Abseits ist älter, als viele glauben - und fand 1863 als eine der ersten Regeln überhaupt Eingang in den Fußball-Kanon. Damals stand ein Spieler im Abseits, wenn er näher zum Tor stand als der Ball. Aufgrund dieser Regel traten Mannschaften damals mit bis zu acht Stürmern an, zumal ja der Ball nur durch Dribblings und Zweikämpfe nach vorne gebracht werden konnte. Das Passspiel entwickelte sich erst durch eine Veränderung der Abseitsregel 1866. Ein Spieler befand sich fortan nur noch dann im Abseits, wenn weniger als drei Gegenspieler näher zum Tor standen. Die Reform funktionierte und so gab es in den folgenden Jahren lediglich zwei Anpassungen: 1907 wurde das Abseits in der eigenen Spielhälfte sowie 1920 bei Einwürfen aufgehoben.

Die heutige Form der Abseitsregel geht auf einen Beschluss zurück, der 1925 gefasst wurde. Seitdem dürfen statt drei nur noch zwei Gegenspieler näher zum Tor stehen als der Spieler. Allerdings erübrigte sich damals die Frage nach gleicher Höhe, da sie bereits auch als Abseitsstellung geahndet wurde. Erst 1990 entschied man zum Wohle der Stürmer, das Spiel bei gleicher Höhe weiterlaufen zu lassen. Die Mannschaften sollten dadurch offensiver agieren und das Spiel attraktiver machen. Durch die Einführung des Videobeweises kann in knappen Entscheidungen mithilfe einer kalibrierten Linie entschieden werden, ob ein Kicker im Abseits steht. Mit Blick auf diese Regelauslegung wird von manchen Spielern und Trainern ein Toleranzbereich für die Stürmer gefordert. So soll entweder die Fußspitze oder alternativ 20 bis 30 Zentimeter kein Abseits mehr sein. Eine Änderung der Regel steht aber aktuell nicht zur Debatte.

Schiedsrichter: Eine Person, die seit ihrer Einführung ins Spielgeschehen 1874 immer noch bei (nahezu) jedem Spiel für Debatten bei Spielern, Trainern und Fans gesorgt hat und sorgt, ist der Schiedsrichter. Seine Allmacht fußt auf zwei konkreten Änderungen im Regelwerk - der Möglichkeit des Platzverweises (eingeführt 1877) und der Ansicht, wonach die gesamte Entscheidungsbefugnis allein beim Referee liege (1889). Während Erstere im Lauf der Zeit ausgeweitet und durch die Verwarnung in Kartenform transparenter gestaltet wurde, erfuhr der Absolutismus des Schiedsrichters vor wenigen Jahren eine signifikante Beschneidung - durch den so genannten Video-Assitant-Referee (VAR), der neuerdings Entscheidungen auf dem Platz virtuell nachvollziehen und revidieren kann.

Die Karte als sichtbares Sanktionsinstrument des Unparteiischen wurde erst Ende der 1960er Jahre eingeführt und ersetzte die bis dahin übliche mündliche Verwarnung. Dies war bei internationalen Spielen aufgrund von Sprachbarrieren auch dringend nötig. Als zum Beispiel der deutsche Referee Rudolf Kreitlein bei der Weltmeisterschaft 1966 versuchte, den argentinischen Spieler Antonio Rattín vom Platz zu schicken, weigerte sich dieser einfach und behauptete, nicht zu verstehen. Nachdem Rattlín einen ganzen Kopf größer als Kreitlein war, musste er schließlich von der Polizei vom Spielfeld begleitet werden. Langfristig gelöst wurde das Problem mit der Einführung der gelben und roten Karten 1970, deren Einsatz sich - inklusive der automatischen Sperre oder Gelb-Rot - seitdem bewährt hat.

Ob sich dereinst auch der VAR bewährt haben wird? Fakt ist: Der Einsatz von technischen Mitteln, um die Entscheidungen von Schiedsrichtern infrage stellen, ist im Fußball nichts Neues. Die Erfindung des Zeitlupen-Films machte es zum Beispiel möglich, dass bereits beim FA-Cup-Finale zwischen Newcastle United FC und Arsenal FC im Jahr 1932 heftig darüber gestritten werden konnte, ob nun der Ball bei der Flanke im Toraus war oder nicht. Damit war es mit der Allmacht der Referees vorbei, durch den von den TV-Sendern in die Wohnzimmer der Welt ausgestrahlten Videobeweis wurde jede noch so kleine Fehlentscheidung - und nicht nur etwa das berühmte Wembley-Tor von 1966 - gnadenlos angeprangert. Heute ist der VAR nach zweijähriger Testphase seit dem 3. März 2018 eingeführt und im Regelwerk vorerst verankert.

Dynamische Entwicklung

Ausdiskutiert ist die Novität des VAR noch lange nicht. Aber das war auch bei vielen anderen Regeländerungen so. Die Bestimmungen des Fußballs entwickeln sich nicht linear, sondern immer dynamisch - nicht die Kodifizierung ist entscheidend, sondern ihre praktische Anwendung. De Winton und Thring waren sich dessen offenbar bewusst, als sie vor 175 Jahren das erste Mal den Ball auf den Rasen von Cambridge legten. Und vielleicht nimmt ja die Universität dieses Jubiläum zum Anlass, um zwei untypischen Absolventen ein ehrendes Andenken zu geben? Es müssen nicht immer Nobelpreisträger sein.