Allen Nicht-Rapidlern sei die Geschichte kurz erzählt - man kann ja davon ausgehen, dass sie jeder Grün-Weiße augenblicklich aufsagen kann, wenn er nächtens aus dem Schlaf gerissen wird. Also, als die Hütteldorfer zum bis dato letzten Mal den Meisterteller stemmen durften, trug sich just am Ostersonntag des Jahres 2008 gar Wundersames zu. Jimmy Hoffer, Stefan Maierhofer, Steffen Hofmann und Co. zerlegten die bis zu jenem Zeitpunkt in 18 aufeinanderfolgenden Pflichtspielen unbesiegte Salzburger Millionärself in deren Stadion mit 7:0. Star-Coach Giovanni Trapattoni konnte so ein Desaster gar nicht fassen, witterte später sogar Wettbetrug - was natürlich grober Unsinn ist, schließlich weiß jeder, dass hier der legendäre Rapid-Geist zugeschlagen hat, der letztlich und eben letztmals auch meisterschaftsentscheidend war.

Rapid will Meister werden

Warum diese alte Anekdote heute von Belang ist, zeigt ein Blick auf die aktuelle Tabelle und den Spielplan der Meistergruppe: Denn am Sonntag (17 Uhr/Sky) steht der große Schlager zwischen Rapid und Red Bull Salzburg neuerlich an - wieder sind die Hütteldorfer die Jäger (vier Punkte zurück), wieder scheinen sie eine Jahrzehntetruppe mit Titelqualität zu haben, wie das jüngste Schützenfest bei den Europacuphelden und vormaligen Angstgegnern aus Wolfsberg beweist: 8:1 - am Ostersonntag. So etwas weckt schon mal großspurige Begehrlichkeiten, nicht nur im downgelockten Rapid-Fanlager, sondern erstmals auch offen bei den Spielern: "Ich will dieses Jahr mit Rapid Meister werden", verkündete etwa Taxiarchis Fountas.

Rapid-Sportdirektor Zoran Barisic rückte zwar umgehend aus, um zumindest die Dinge zu relativieren (und nicht um mit einer Kopfwäsche für Fountas gar die gute Stimmung zu trüben): "Ein Spieler soll vom Höchsten träumen, das er erreichen kann." Dennoch dürfe man die finanziellen Kräfteverhältnisse nicht außer Acht lassen, sagte der Ex-Internationale. "Die Möglichkeiten, die Salzburg hat, sind einfach unbegrenzt. Wir haben doch unsere Grenzen."

Das klingt fast ein wenig nach 2008, als natürlich jeder den mit Dosen-Millionen und (zu) satten Kicker-Stars gefütterten Liga-Krösus am Ende vorne sah - jedoch nur bis zum Besuch der Rapid in Salzburg. Allerdings kennt die aktuelle grün-weiße Truppe die überlieferten Geschehnisse nur aus zweiter Hand, kickten doch alle Stammspieler einst noch im Nachwuchs. Einzig Mario Sonnleitner (damals bei Sturm) und Deni Alar (DSV Leoben) vom aktuellen Kader agierten bereits im Profifußball.

Zudem ist nicht alles, was hinkt, ein Vergleich: Salzburg verfolgt seit Ralf Rangnick anno 2012 eine ganz andere Philosophie mit jungen, hungrigen Spielern und einheitlichem Pressing-System - was seit 2014 noch jedes Mal zum Bundesliga-Titel geführt hat. Meist sehr, sehr überlegen. Und immer dann, wenn’s drauf ankam - nämlich gegen Rapid -, hat sich die Bullen-Elf keine Blöße gegeben: So konnte Rapid in der Ära von Salzburg-Coach Jesse Marsch noch kein einziges von acht Spielen (Cup inklusive) gegen Salzburg gewinnen; erst einmal gab es ein Unentschieden (1:1 im vergangenen November). Und wenn jemand ein (nach)österliches Debakel zu fürchten hat, dann die Grün-Weißen, die im Dezember im Cup (2:6) und im Juni in der Meistergruppe (2:7) arg unter die Räder kamen.

Gelingt der Elf von Speedy-Hattricker Patson Daka also der nächste Erfolg im direkten Duell, kann der Meistersekt schon vorsorglich eingekühlt werden: Denn dass sich die Bullen-Truppe einen Sieben-Punkte-Vorsprung samt deutlich besserer Tordifferenz in acht verbleibenden Runde noch wegschnappen lässt, darf als ziemlich realitätsfern gewertet werden. So gesehen firmiert das Duell am Sonntag auch unter dem Titel: (wieder) Salzburger Solo oder (noch etwas) Spannung?

Austro-Clasico als Highlight

Die Salzburger sind freilich Profi genug, um Attribute wie "vorentscheidend" oder gar "entscheidend" nicht in den Mund zu nehmen. Immerhin konzedierte Ex-Rapidler Max Wöber: ",Die Ausgangslage ist grundsätzlich positiv. Natürlich wollen wir jetzt auch bei Rapid gewinnen, ein Sieg würde uns maßgeblich weiterhelfen." Und sein Trainer überreichte dem Gegner - auch das kennt man im Vorfeld des Austro-Clasico - verbale Blumen: "Die Form von Rapid ist sehr gut, sie haben sicherlich viel Selbstvertrauen. Es wird ein ganz schwieriges Spiel für uns. Aber wir freuen uns darauf, denn die Duelle mit Rapid sind stets ein Highlight."

Und sein Gegenüber Didi Kühbauer? Der tüftelt seit Tagen an der geeigneten Taktik, wie er den Salzburger Offensiv-Express zum Stillstand bringen könnten - denn alle bisher probierten Defensivvarianten haben bekanntlich nicht zum Erfolg geführt. Vielleicht reicht es auch, einfach ein Tor mehr zu schießen, als zu bekommen? Riskant, aber nicht gänzlich abwegig - immerhin ist Ercan Kara so etwas wie die Lulatsch-Antwort auf Patson Daka. "Als Team darfst du nicht nur in der Defensive denken, sondern versuchen, mehr Ruhe nach Ballgewinnen zu haben, ihn nicht sofort wieder zu verlieren", meinte Kühbauer.