Einen schlechteren Zeitpunkt hätte es für die Macher der "European Super League" nicht geben können, um ihre Pläne vorzustellen: Während Europa das Ende der Corona-Pandemie und damit die Rückkehr zur Normalität angeschlagen, aber hoffnungsfroh erwartet, während der Profi-Fußball dem Saisonhöhepunkt in Form von Europacup-Semifinale und -Finale beziehungsweise Fußball-EM entgegensteuert und während - last but not least - hunderttausende Amateur- und Nachwuchskicker auf dem Kontinent einzig die baldige Ausübung ihres geliebten Sports herbeisehnen, platzte die Bombe der milliardenschweren Abspaltung der zwölf Klubs aus reiner Gewinnmaximierung. Und weil der Zeitpunkt derart brisant ist, blickt nun alles Richtung Uefa und Fifa, hinter denen sich pikanterweise die Traditionalisten und Hüter des Sports scharen, weil sie erhoffen, dass die Verbände die folgenschwere Spaltung des Fußballs noch aufhalten können.

Eines ist klar: Werden die angekündigten Sanktionen in die Tat umgesetzt, stürzt der europäische Fußball ins totale Chaos; bleibt es seitens der europäischen Fußball-Union Uefa hingegen nur bei entfernten Drohungen, werden die bisher recht zügig und im Geheimen ausgetüftelten Super-League-Pläne mit Vehemenz weiterverfolgt. Der Freitag, wenn diesbezüglich eine außerordentliche Sitzung des Uefa-Exekutiv-Komitees stattfindet, darf mit großer Spannung erwartet werden - es könnte der D-Day werden.

Denn es ist nicht ausgeschlossen, dass die Uefa bereits da die "Atombombe" zündet und unmittelbar eingreift, um die Pläne noch im Keim zu ersticken. Dies würde den sofortigen Ausschluss der Super-League-Klubs Chelsea, Manchester City und Real Madrid (Champions League) sowie Manchester United und Arsenal (Europa League) aus dem laufenden Wettbewerb bedeuten. Für die Ende April angesetzten Halbfinal-Hinspiele würde es wohl aus dem Viertelfinale "Nachrücker" geben. Diese Drohkulisse wäre für die stark verschuldeten Vereine, die auf die Europacup-Einnahmen heuer extrem angewiesenen sind, besonders effektiv. Ins Visier genommen werden freilich auch die einzelnen Spieler dieser Teams - ihnen wird ein Ausschluss von der Fußball-EM 2021 angedroht. Damit würde etwa Juventus’ Cristiano Ronaldo sein letztes großes Highlight im Sommer verpassen, die englische Nationalelf stünde de facto ohne Einsergarnitur da.

Schließlich wäre die letzte und vielleicht wirkungsvollste Waffe, dass die zwölf Klubs aus England, Spanien und Italien (kommende Saison?) aus den nationalen Ligen ausgeschlossen und ihnen damit der Heimmarkt abgedreht wird. Eine bloße Superliga ohne lokale Home-Base und nur für Fans in Übersee oder China ist de facto zum Scheitern verurteilt.

Dass die Statuten eine solche Sanktionitis prinzipiell hergeben, scheint evident. Die Gretchenfrage ist aktuell, ob die bloße Ankündigung der Abspaltung schon ein Einschreiten rechtfertigt. "Wir sind noch dabei, die Situation zu bewerten mit unseren Anwälten", sagte Uefa-Boss Aleksander Ceferin. "Aber wir werden alle Sanktionen verhängen, die wir verhängen können. Meiner Meinung nach sollten sie so früh wie möglich von allen Wettbewerben ausgeschlossen werden. Und die Spieler auch." Eine Ansage, die kaum ein Zurück erlaubt.

Das Selbstbewusstsein ist insofern gerechtfertigt, als eine breite Front aus Sportverbänden, Politik, Fan-Gruppen und Experten geeint vorgeht: Wenn ausgerechnet so umstrittene Funktionäre wie IOC-Boss Thomas Bach und Fifa-Chef Gianni Infantino den Super-League-Machern Verrat an den "Werten des Sports" oder "Egoismus gegenüber Solidarität" vorwerfen (und dafür Beifall ernten), dann ist nicht nur eine schier unüberwindbare Hürde aufgebaut, sondern auch schon der Marketing-Super-GAU eingetreten. Welcher Großsponsor soll allen Ernstes in so ein Projekt investieren, ohne sein Image nachhaltig zu schädigen? (Bisher ist übrigens nur die US-Bank JP Morgan als Geldgeber bekannt.)

Fast gönnerhaft muten daher die Aufrufe zur Umkehr an: "Sie haben einen großen Fehler gemacht", sagte Ceferin am Dienstag. "Es ist noch Zeit, ihre Meinung zu ändern." Oder Karl-Heinz Rummenigge, der seine Bayern explizit nicht in der Super League haben will: "Wichtig ist, dass wir den Dialog wieder aufnehmen. Meine Hoffnung ist, dass wir noch eine Lösung finden, denn die Super League schadet dem ganzen europäischen Fußball. Das müssen wir verhindern." Der Bayern-Chef hält eine Kostenreduktion für den besseren Weg aus der Corona-Krise. "Der Weg kann nicht sein, immer mehr einzunehmen und mehr an Spieler und Agenten zu bezahlen."

"Wir retten den Fußball"

Tatsächlich ist für Real Madrids Präsident Florentino Perez - gemeinsam mit Juves Andrea Agnelli Mastermind des Projekts - die angespannte Finanzsituation Auslöser der Abspaltung. "Jetzt machen wir das, um den Fußball zu retten, der sich in einer kritischen Situation befindet", sagte Perez, der als Boss der neuen Liga auserkoren wurde. Die am Montag beschlossene Reform der Champions League mit noch mehr Spielen, aber der weiteren Teilnahme kleiner Verbände, komme laut Perez zu spät: "Sie sagen, das neue Format kommt 2024. 2024 sind wir alle tot." Spaniens Ligachef Javier Tebas widersprach vehement, denn der Fußball stehe keineswegs vor dem Ruin. "Die Super League ist eines der Probleme, nicht die Lösung. Sie ist der Tod des Fußballs."