Der deutsche Fußballverband DFB arbeitet an der Zukunft, doch die Vergangenheit ist längst nicht aufgearbeitet. Und die DFB-Akademie, als ultramodernes Leuchtturmprojekt vorgesehen, die den Weg zu neuen, alten Erfolgen ebnen soll, ist momentan nicht die einzige Baustelle, auch nicht die Verhandlung mit Hansi Flick über die Nachfolge von Joachim Löw.

Stattdessen kam am Wochenende ein neuer Scherbenhaufen hinzu. Der ohnehin schon lange schwelende Streit zwischen Präsident Fritz Keller und Generalsekretär Friedrich Curtius eskalierte in einem Misstrauensvotum gegen: beide. Als lachender Dritter dürfte Rainer Koch, langjähriger Vizepräsident, aus der Schlammschlacht hervorgehen.

Dieser war vor eineinhalb Wochen von Keller mit dem ehemaligen Nazi-Richter Roland Freisler verglichen worden, was nun den Vertrauensverlust seitens der Landeschefs nach sich zog. Auch die deutsche Fußballliga DFL verurteilte die Wortwahl Kellers, der bisher als Vertreter des Spitzenfußballs gegolten hatte, scharf. Dass allerdings auch Curtius zum Rücktritt aufgefordert wurde, ist überraschend, hatte er doch bisher den Amateurfußball hinter sich. Andererseits ist er auch dort nicht so stark verankert wie Koch, seit 17 Jahren Präsident des bayrischen Verbandes.

Viele Stürme überstanden

Offenbar aber hatten die Landes- und Regionalverbände die ewigen Streitereien zwischen Keller und Curtius satt, die sich in einem monatelangen Kleinkrieg gegenseitig blockiert hatten. Doch was kommt nun? Schließlich hatte der DFB-Betriebsrat in einem internen Schreiben, das von einigen Medien zitiert wurde, schon davor kritisiert, dass der DFB "ein desaströses Bild" abgebe, und "richtungsweisende Entscheidungen" - sprich: strukturelle und personelle Konsequenzen - gefordert.

Dass Keller und Curtius zurücktreten (oder zurückgetreten werden), ist noch nicht fix, wohl aber unausweichlich. Doch ob ein Neuanfang, eine Neuausrichtung, unter Koch möglich ist, wird ebenso von vielen bezweifelt. Der 62-Jährige, von Hauptberuf Richter, steht nicht nur seit 17 Jahren an der Spitze des bayrischen und seit 2011 an jener des süddeutschen Verbandes; er ist auch seit 2013 erster Vizepräsident und fungierte zwischendurch zweimal innerhalb einer Doppelspitze als interimistischer DFB-Chef.

In all seiner Zeit als Funktionär hat er viele Präsidenten kommen und gehen gesehen; und während viele von ihnen über die Umstände der WM-Vergabe 2006 sowie Malversationsverdächtigungen und andere Affären stolperten, hat er es immer noch geschafft, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen - wobei seine über Jahre gesponnenen Seilschaften kein Nachteil gewesen sein dürften. Doch nicht nur, dass er es in all dieser Zeit nicht geschafft hatte, langfristig ganz an die Spitze zu kommen, geriet auch er zuletzt unter Druck. Erst vor wenigen Tagen hatte ihm Ex-Präsident Reinhard Grindel vorgeworfen, frühzeitig Erkenntnisse über die WM-Affäre 2006 gehabt, aber verschwiegen zu haben. Koch hatte solche Anschuldigungen stets zurückgewiesen. Doch zuletzt hat auch der Streit zwischen Keller und Curtius vieles zugedeckt.