José Altafini, Aurelio Milani, Bruno Bolchi, Nils Liedholm - sie waren 1961 die Helden der italienischen Serie A. Zu nennen wäre etwa auch der amtierende Torschützenkönig Sergio Brighenti oder der Engländer Gerry Hitchens aus Steffordshire, der im Sommer von Aston Villa zu Inter Mailand stieß, freilich ohne dass jemand damals ahnte, dass sich "Pel di carota", wie der Legionär aufgrund seiner roten Haare genannt wurde, zum drittbesten Torschützen der neuen Saison aufschwingen würde. Und vermutlich hätten Millionen Fans den markanten Rotschopf des Kickers in einer Zeit, als es nur Schwarz-Weiß-Fernseher und Radio gab, wohl kaum in voller Pracht bewundern können - wenn nicht die Gebrüder Panini gewesen wären. Dank ihnen und ihrem ersten Fußball-Pickerlalbum, das vor 60 Jahren für die Serie A auf den italienischen Markt kam, gab es Hitchens, Bolchi und Co. nicht nur zum Hören und Sehen, sondern auch zum Anfassen - in Farbe.

Die Herausgabe des ersten Sammelheftchens, dessen Einzelbilder allein heute schon für bis zu sieben Euro pro Stück gehandelt werden, war der Startschuss für eines der erfolgreichsten Unternehmungen der italienischen Wirtschafts- und Sportgeschichte. Die aufgelegten Sticker - 90 pro Album - gingen weg wie die warmen Semmeln, sodass Giuseppe und Benito Panini mit der Herstellung im familieneigenen Verlagshaus in Modena, das eigentlich Zeitungen verkaufte, nicht mehr nachkamen. Produziert wurden die Pickerl händisch und dem Vernehmen nach noch in einem Butterfass durchmischt. Erst mit dem Einstieg weiterer Brüder - Umberto und Franco - ins Unternehmen 1963 sowie dem Ankauf einer Verpackungsmaschine namens Fifimatic sieben Jahre später, die sicherstellte, dass sich in den Bilderpäckchen keine Dubletten befanden, gewann das Geschäft auch international an Fahrt. 1970 kam anlässlich der Weltmeisterschaft in Mexiko das erste WM-Heft heraus, in Deutschland und Österreich erstmals erhältlich waren Paninis 1978, als sich Hans Krankl in Cordoba unsterblich machte daher umso mehr bei den Fans "nachgefragt" war.

. . . für die Serie A das erste Pickerlheft heraus. - © Panini
. . . für die Serie A das erste Pickerlheft heraus. - © Panini

Konzern mit Milliardenumsatz

Seit Paninis auch bei Europameisterschaften erworben werden können (Frankreich 1984), ist das Unternehmen stetig gewachsen. Heute ist der Konzern mit über 1.200 Mitarbeitern in 150 Staaten der Erde vertreten und erzielte zuletzt 2018, nach der Fußball-WM in Russland, einen Umsatz in der Höhe von einer Milliarde Euro. Tatsächlich waren auch die anlässlich der WM 2018 herausgegebenen Hefte mit 682 Bildern à 18 Cent die größten und teuersten, die Panini je angeboten hat. Für das Corona-Jahr 2020 liegen noch keine Zahlen vor, allerdings ist davon auszugehen, dass der Ertrag aufgrund der verschobenen länderübergreifenden EM einen historischen Tiefstand erreichen dürfte. Hinzu kommt, dass der Konzern neben dem Geschäft mit den Klebebildern auch noch im Verlags- und Vertriebswesen, im Lizenzrechtehandel und im digitalen Markt engagiert ist. Die Gebrüder Panini sind schon lange nicht mehr involviert. 1988 verkaufte die Familie den Betrieb an die tschechoslowakisch-britische Maxwell-Gruppe, heute steht Panini im Besitz des italienischen Konzerns Indesit von Vittorio Merloni.

1961 erschien das erste Album für die italienische Serie A. - © Panini
1961 erschien das erste Album für die italienische Serie A. - © Panini

2013 starb in Modena der Letzte der Paninis - Umberto. Laut landläufiger Meinung gilt die Familie Panini, deren Karriere 1945 mit einem kleinen Zeitungsstand begann und die 1954 erstmals Pickerl - damals mit Blumenmotiven - herausgab, zu den Pionieren auf dem Gebiet. Was den Fußball betrifft, stimmt das auch, allerdings waren Sammelbilder - Zigarettenbilder genannt - schon lange vor dem Zweiten Weltkrieg in Europa und den USA weit verbreitet. Es war die aufstrebende Tabakindustrie, welche die Sammelwut von Jung und Alt erkannte und die Bilder als Beigabe zu den Zigarettenpackungen verkaufte. Neben Sportalben aller Art - unter anderem Baseball - waren auch Filme und Schauspieler, Mode, Natur, Fahnen, Uniformen, Technik und Verkehr, der Erste Weltkrieg, aber auch Volkslieder und Volkstrachten Gegenstand des Sammelns. Ab den 1930er waren die Alben häufig mit Text versehen und günstig zu haben. Die Auflagen gingen in die Millionen, die der Bilder sogar in die Milliarden.

1939 widmeten die Nazis dem so genannten "Anschluss" Österreichs ein 96 Seiten starkes Sammelbuch. - © Rella
1939 widmeten die Nazis dem so genannten "Anschluss" Österreichs ein 96 Seiten starkes Sammelbuch. - © Rella

Adolf Hitler zum Aufpicken

Politisch bedeutend war die Macht der Bilder aber vor allem für die Nationalsozialisten, die nach der Machtergreifung 1933 in Deutschland, und später auch in Österreich, darangingen, die Pickerlhefte für propagandistische Werbung zu missbrauchen. Zu diesem Zweck wurden bis 1941 nicht weniger als 16 bücherähnliche Alben, "Werke" genannt, mit jeweils 200 bis 300 Sammelbildern herausgegeben, wobei diese freilich der nationalsozialistischen Zensur unterlagen. So wird zum Beispiel im Werk Nr. 15 "Adolf Hitler" der "Führer" unter anderem als väterliche Figur beim Bad in der Menge, beim Händeschütteln, bei der Zeitungslektüre, in geselliger Runde oder mit Parteikadern gezeigt; hinzu kamen nachgefärbte Pickerl, die das eine oder andere Porträt des verhinderten Malers zum Inhalt hatten. Neben den Ausgaben "Deutschland erwacht. Werden, Kampf und Sieg der NSDAP" (Nr. 8) oder "Raubstaat England" (Nr. 16) wurden auch unpolitische Serien produziert, die sich mit der Natur, Kultur, Tierwelt, Geschichte und natürlich Sport beschäftigten. So waren gleich drei Bände den Olympischen Sommerspielen in Los Angeles (1932) und in Berlin (1936) gewidmet.

Die NSDAP rückte lieber den "Führer" ins (Klebe-)Bild. - © Rella
Die NSDAP rückte lieber den "Führer" ins (Klebe-)Bild. - © Rella

Tatsächlich erfreuten sich die Pickerlalben nicht nur in Deutschland, sondern auch in Österreich bald großer Beliebtheit. So nahmen die Nationalsozialisten den sogenannten "Anschluss" im März 1938 zum Anlass, ein diesem Ereignis eigens gewidmetes Sammelbuch mit dem Titel "Wie die Ostmark ihre Befreiung erlebte" herauszugeben. Auf 96 Seiten wird hier mit viel Text und Freiflächen für insgesamt 314 Zigarettenbilder der Werdegang Hitlers, der NSDAP sowie der "Entscheidungskampf um Österreich" dargestellt. Wer das Heft vervollständigen wollte, musste also ein geschickter Tauscher sein oder tief in die Tasche greifen. Wie bei den deutschen "Werken" sticht auch hier der Führerkult ins Auge, findet sich Hitler auf fast jeder Seite - meist in ernster Pose, wobei die Bilder jeweils mit einem kurzen Informationstext versehen sind. Das Album schließt mit dem Kapitel "Mehrer des Reiches", in welchem der Siegeszug Hitlers durch das 1939 "gewonnene" Sudetenland zelebriert wird.

Der Band war einer der letzten seiner Art. 1942 wurde aus kriegswirtschaftlichen Erwägungen die Produktion von Zigarettenbildchen und -alben eingestellt und erst nach Kriegsende wieder aufgenommen, wobei sie fortan als "Margarinebildchen" firmierten. Mit dem deutschen Verbot der Beigabe von Pickerln in Zigarettenpackungen im Jahr 1955 und weiteren Einschränkungen in den Jahren danach fand der Sammelspaß ein vorläufiges Ende - bis 1961 die Gebrüder Panini auf den Plan traten.

528 Bilder auf 96 Seiten

Waren die frühen WM- und EM-Ausgaben der 1970er und 1980er Jahre dünn und schlicht gehalten, so nahmen die späteren Hefte in Bilderzahl und Umfang stark zu. Wenig überraschend zählt daher auch das EM-Album für 2020 mit 96 Seiten und 528 Pickerln zu den stärksten Heften der Panini-Geschichte. Darin finden sich nicht nur Sammelbilder zu den insgesamt 24 teilnahmeberechtigen Nationalmannschaften - darunter auch Österreich -, sondern auch Abbildungen der Stadien sowie erstmals "Action-Bilder", welche die Fan-Lieblinge beim Kicken zeigen. Hinzu kommen die obligatorischen Spielpläne, Statistiken und Analysen.

Lange Texte wie in den Hitleralben finden sich in den modernen Pickerlheften freilich schon lang nicht mehr. Als Ideologie, die erst erklärt werden muss, taugt der Fußball nicht - vielmehr bringt er die Leute, und diese Erkenntnis ist den Gebrüdern Panini hoch anzurechnen, zusammen. Auch wenn es in Corona-Zeiten schwieriger geworden ist, die nötigen Tauschpartner zu finden. Aber für den Fall, dass zu viel Abstand zu leeren Seiten führen sollte, ist vorgesorgt. So können die Pickerl online eingetauscht oder nachbestellt werden. Mit einem Klick - und natürlich in Farbe.