Mit dem heutigen Wissen würde der ÖFB gut zehn Tage vor der Fußball-EM wohl keine Reise nach England mehr antreten. Denn während sich die Pandemie hierzulande scheinbar gerade in Luft auflöst, geht sie im Mutterland des Fußballs - das sich im Frühjahr rasch aus der Krise geimpft hatte - aufgrund der indischen Mutante schnurstracks in die dritte Welle. Weshalb es für die Auswahl von Franco Foda eine Sondererlaubnis der Bundesregierung bedurfte, um den vorletzten EM-Test gegen die Three Lions am Mittwochabend (21 Uhr/ORF1) absolvieren zu können und sich dann ohne Quarantäne auf den abschließenden freundschaftlichen Länderkampf gegen die Slowakei am Sonntag respektive die Euro 2020 vorbereiten zu können. Schließlich gelten für die Insel neuerlich strenge Einreisebeschränkungen.

Wie fragil das ganze Sport-Konstrukt in Corona-Zeiten immer noch (beziehungsweise schon wieder) ist, beweist freilich der Fall Valentino Lazaro: Weil sich der Flügelspieler von Gladbach zuvor zu Trainingseinheiten in Dubai aufgehalten hatte, konnte er nicht mit nach Middlesbrough, da sich die Vereinigten Arabischen Emirate auf einer Liste von Ländern befinden, für die bei einer Einreise nach Großbritannien eine Quarantäne notwendig ist. Lazaro teilt das Zuschauen-Müssen übrigens mit den Offensivkräften Marko Arnautovic und Karim Onisiwo, die beide noch angeschlagen sind. Wobei es auch hier ein Corona-Kuriosum gibt: Denn während Lazaro derweil mit dem U21-Team in Wien trainiert, stiegen die beiden Letztgenannten mit in den Flieger, weil damit ein Verlassen der "Corona-Bubble" vermieden wird - und auch der medizinische Stab mitreist. "Dadurch haben sie in England beste Betreuung", erklärte Foda.

Rein sportlich zahlt sich der Trip auf die Insel freilich allemal aus, denn England zählt zu den Top-Nationen im internationalen Fußball, weshalb der Elf von Foda im Riverside Stadium eine Art Härtetest vor dem EM-Auftakt am 13. Juni gegen Nordmazedonien bevorsteht. Einerseits geht es um Matchpraxis, zumal die WM-Qualifikationspartie gegen Dänemark (0:4) schon wieder zwei Monate her ist, andererseits wäre ein Punktgewinn respektive eine ansehnliche spielerische Darbietung besonders wertvoll fürs Selbstvertrauen. Und dann wäre da noch ein dritter Aspekt: Die Spielweise der Engländer ist durchaus mit jener von EM-Gegner Niederlande zu vergleichen, das Match könnte daher so etwas wie eine kleine Generalprobe für das Duell mit den Oranje am 17. Juni in Amsterdam sein. "Sie spielen ein ähnliches System, kommen viel über ihre Flügelspieler, die Eins-zu-eins-Situationen suchen", so Foda.

Mit dem Verlauf des Teamcamps in Bad Tatzmannsdorf ist der Deutsche übrigens hoch zufrieden. Vier Einheiten fanden im Südburgenland auf dem Rasen statt, dabei konnte das umgesetzt werden, was sich der Deutsche vorgenommen hatte. "Wir haben eine sehr gute Woche hinter uns und sind absolut im Plan, die Mannschaft hat sehr engagiert trainiert. Wir haben vor allem an unserem Ballbesitz- und Umschaltspiel gearbeitet, und das wollen wir jetzt gegen England sehen", erklärte Foda.

Der Respekt vor dem Weltmeister von 1966, der als WM-Vierter 2018 aufgezeigt hatte, ist groß. "England hat eine tolle Mannschaft. Sie haben viele Top-Spieler bei Top-Vereinen. Es kommt nicht von ungefähr, dass sie als einer der großen EM-Favoriten gehandelt werden. Aber wir haben immer gesagt, dass wir uns mit den Besten messen wollen", sagte Foda, für den das Resultat nicht unbedingt im Vordergrund steht. "Es geht darum, wie wir auftreten."

Bachmann mit Chance aufs Tor - Zuschauer erlaubt

Hinsichtlich der Einserfrage gilt weiterhin das Prinzip: "Ich weiß, dass ich nichts weiß." Oder es jedenfalls nicht sage. Nur so viel: "Es muss nicht sein, dass derjenige, der gegen England spielt, auch bei der EM spielt", meinte Foda. Womit ein Einsatz von Watford-Stammgoalie Daniel Bachmann realistisch ist. Für Julian Baumgartlinger, der zuletzt nicht voll trainieren konnte, und den erst kürzlich von einer Verkühlung genesene Stefan Ilsanker ist zu Beginn die Bank reserviert. "Wir werden bei den beiden sicher nichts riskieren", so Foda.

Übrigens werden im Riverside Stadium gut 8.700 Heim-Fans zugelassen sein - auch das eine wertvolle Erfahrung. Denn erstmals seit November 2019 (0:1 in Lettland) spielt das Nationalteam wieder vor Zuschauern. Damals sahen die ÖFB-Blamage zum Abschluss der EM-Qualifikation aber nur 2800 zahlende Fans.