Normalerweise freuen sich die brasilianischen Fußball-Nationalspieler, im eigenen Land einlaufen zu dürfen. Es ist für sie nicht nur eine Ehre, das Trikot des fünfmaligen Weltmeisters zu tragen, sondern auch eine der seltenen Gelegenheiten, wieder einmal auf brasilianischem Boden die eigenen Künste zu zelebrieren. Denn meist schickt der nationale Verband CBF die überwiegend in Europa tätigen Star-Kicker für gut dotierte Freundschaftsspiele auf absurde "Heimspiele" rund um den Globus nach Katar, Singapur oder Miami - nur eben nicht nach Brasilien. Von den zwingend im eigenen Land auszutragenden WM-Qualifikationsspielen einmal abgesehen.

Doch in diesen Zeiten ist nichts normal und schon gar nicht in Brasilien. In der Selecao als auch im Verband rumort es kräftig, vor allem die Entscheidung der CBF-Vorstandsriege und der Regierung des rechtspopulistischen Präsidenten Jair Bolsonaro, die kurzfristig von den beiden Co-Gastgebern Kolumbien (Proteste, Polizeigewalt) und Argentinien (Corona-Notlage) zurückgegebene Copa America von 13. Juni bis 10. Juli auf Bitten des südamerikanischen Fußball-Verbandes Conmebol zu übernehmen, wird von Trainer Tite und der Mannschaft sehr kritisch gehen. Denn im Virus-Variantengebiet Brasilien ist die Lage nach wie vor problematisch. Das größte lateinamerikanische Land hat bisher mehr als 470.000 Tote zu beklagen. Erst am Freitag gab es weitere 62.000 Neuinfektionen.

In dieser Gemengelage tut sich nun Erstaunliches: Ausgerechnet die brasilianische Nationalmannschaft will sich nun offenbar weigern, am Turnier im eigenen Land teilzunehmen. Sie will ein Zeichen setzen, dass in einer solchen Lage an Fußball nicht zu denken sei. Trainer Tite steht hinter dieser Einstellung und solidarisiert sich mit der Mannschaft, die ihn beim 2:0-Pflichtsieg in der WM-Qualifikation gegen Ecuador bei den Toren symbolisch umarmte. Eine klare Sympathiegeste jenes Teams, das vor zwei Jahren, begeistert gefeiert im ausverkauftem Maracana in Rio de Janeiro, den ersten Copa-Titel seit Jahren feiern konnte. Selecao-Kapitän Casemiro von Real Madrid meinte nach dem Spiel gegen Ecuador vielsagend: "Wir wollen unsere Meinung nach dem Spiel gegen Paraguay äußern. Nicht nur ich, nicht nur die Spieler, die in Europa spielen. Es sind alle, einschließlich Trainer Tite. Alle zusammen." In der Kritik steht Verbandspräsident Rogerio Caboclo, gegen den es nun aus Reihen des Verbandes nun auch noch Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs gibt und der vorübergehend von der Ethik-Kommission für 30 Tage seines Amtes enthoben wurde. Und natürlich auch Bolsonaro wegen seiner chaotischen Corona-Politik. Nun wartet ganz Fußball-Brasilien auf die Erklärung nach der Partie in Paraguay in der Nacht zum Mittwoch.

Viele Fragen

João Luis Silva von der Nichtregierungsorganisation "Rio de Paz" sieht längst Parallelen zu Großereignissen der letzten Jahre. "Die Zivilgesellschaft, die sozialen Bewegungen, können angesichts dieser Fehlentscheidung der Regierung ähnlich wie vor der Austragung der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 und der Olympischen Spiele 2016 nicht schweigen", sagt Silva im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Damals richtete sich die Kritik vieler Demonstranten gegen die Milliardenausgaben für neue Stadien und Sportarenen, während die Krankenhäuser und Schulden des Landes sich in einem katastrophalen Zustand befanden. Sollten sich die Spieler tatsächlich weigern, wäre das ein Präzedenzfall im Weltfußball auf diesem Niveau. Und er würde Fragen aufwerfen. Wann und unter welchen Umständen darf überhaupt noch gespielt werden? Wenn Brasilien im eigenen Land aus Protest gegen die Corona-Politik nicht spielen will, wäre dann ein Auftritt in Katar gerechtfertigt, wo es schwere Menschenrechtsverletzungen geben soll? Wann darf dieses auf Turbokapitalismus beruhende Geschäftsmodell - von dem übrigens die Spieler am meisten profitieren - über Menschenrechte und die soziale Lage eines Landes dominieren?

Eigentlich wäre dem Weltfußball zu wünschen, dass die Selecao den Mut hat, sich gegen die Copa America zu stellen. Das würde eine neue Wertediskussion auszulösen, über die Vergabe von WM-Turnieren und Olympischen Spielen, von rücksichtslosen Turnierplänen und kalten Funktionären. Und es würde die Spieler wieder ein Stück weit zurückholen in die Realität. Und das wäre in einer finanziell längst in absurde Dimensionen abgeglittene Fußballwelt wohl nicht das Schlechteste.