Was 1960 klein begann - als Vier-Nationen-Turnier unter dem Titel "Europapokal der Nationen" - feiert ab Freitag als eine der größten und wichtigsten Sportveranstaltungen der Welt ein kleines Jubiläum: Die Uefa-Fußball-EM - vulgo Euro - wird 60, oder besser: wurde 60. Denn die Euro 2020 hätte ja schon vor einem Jahr über die Bühne gehen sollen, musste wegen Corona aber verschoben werden - heißt aber nach wie vor Euro 2020. Aufgrund dieses Jubiläums geht die 16. Auflage auch in halb Europa in Szene, elf Gastgeberstädte dürfen partizipieren und hoffentlich die eine oder andere Sternstunde erleben. Deren gab es schon einige - wir blicken daher zurück auf die zehn denkwürdigsten Momente in der EM-Historie.

Van Bastens Wunder-Volley: Es ist zweifellos eines der schönsten Tore, die es jemals im Fußball gegeben hat - und wenn es dann noch der entscheidende Treffer im EM-Finale ist, erübrigt sich jeder weitere Superlativ. Wir schreiben den 25. Juni 1988, Finale in München zwischen Holland und der UdSSR, 54. Minute: Hohe Flanke auf Oranje-Stürmer Marco van Basten, der sich allerdings Richtung seitlicher Strafraumgrenze auf Fünfer-Höhe bewegt - dennoch zieht er voll durch. Der Ball hätte irgendwo landen können - schlug aber zur Überraschung der Fußballwelt hinter dem russischen Torhüter Rinat Dasajew im langen Kreuzeck ein. Ein Tor, das es eigentlich nicht geben kann (und später sogar Wissenschafter auf den Plan rief, diese Flugkurve zu studieren). Trainer Rinus Michels, der die Oranje nach dem 2:0-Sieg zum ersten und bis dato einzigen Titel führte, schlug ob dieses Balles ungläubig die Hände vors Gesicht. Ein Schuss für die Ewigkeit.

Der Panenka-Elfer. Wenn eine bestimmte sportliche Handlung nach einem Spieler benannt wird, dann ist das eine Auszeichnung, die Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte hält. Womit wir beim EM-Finale 1976 wischen der BRD und der Tschechoslowakei wären. In der "Nacht von Belgrad" musste erstmals in einem großen Turnier ein Elfmeterschießen über den Sieg entscheiden. Als beim Stand von 4:3 für die CSSR Uli Hoeneß über die Latte knallte, kam die große Stunde des Antonin Panenka. Der spätere Rapid-Legionär verlud Goalie Sepp Maier und lupfte den Ball butterweich in die Tormitte zum Europameistertitel. Noch heute versuchen sich Spitzenkicker am "Panenka-Elfmeter" - doch nicht selten endet die versuchte Schlitzohrigkeit in der totalen Blamage.

 

Panenkas Elfer-Schupferl zum Titelgewinn 1976. - © imago / Colorsport
Panenkas Elfer-Schupferl zum Titelgewinn 1976. - © imago / Colorsport

Danish Dynamite und Heureka Hellenen! Was die Tschechoslowaken 1976 geschafft haben, gelang auch den Europameistern 1992 und 2004 - nämlich den Titelverteidiger zu eliminieren und sensationell den EM-Pokal zu holen. Wobei die Titelgewinne der Dänen und Griechen wohl zu den größten Fußball- und Sportsensationen der Welt zählen. So befanden sich die (nicht-qualifizierten) Dänen eigentlich schon auf Urlaub und fuhren statt der ob des Balkankrieges ausgeschlossenen Jugoslawen nach Schweden. Ohne große Erwartungen. Und eigentlich befand man sich schon so gut wie auf der Heimreise, ehe dem Dänen Lars Elstrup gegen die höher eingeschätzten Franzosen erst gut zehn Minuten vor Schluss im letzten Gruppenspiel aus dem Nichts der 2:1-Siegtreffer gelang. Womit die Titelkämpfe erst so richtig begannen - mit dem Penaltytriumph über die Oranje und dem 2:0-Finalkracher gegen Deutschland. Danish Dynamite war explodiert, die Strandkicker wurden Europameister.

Zwölf Jahre später wiederholte sich die Geschichte - diesmal waren es Otto Rehagels Griechen, die als Außenseiter den europäischen Fußball-Olymp erklommen. Mit straffer defensiver Organisation und einem Schuss Glück wurde ein Favorit nach dem anderen entzaubert - die Franzosen, die Tschechen, und am Ende sogar die gastgebenden Portugiesen (mit dem blutjungen Cristiano Ronaldo). Beim Rehakles, die Götter müssen verrückt sein!

Vastics Premierentor. Als Außenseiter zum EM-Titel - davon träumt man auch hierzulande. Zumindest einmal war der rot-weiß-rote Jubel titelverdächtig, wiewohl der ÖFB bei erst zwei Teilnahmen keine großen Spuren in der EM-Historie hinterlassen hat. Immerhin schaffte es Ivica Vastic, damals stolze 38, bei der Heim-Euro 2008 das Happel-Stadion in ein Tollhaus zu verwandeln. Nach 0:1-Rückstand gegen Polen (durch ein Abseitstor) zeigte der Referee in der Nachspielzeit plötzlich auf den Elferpunkt. Vastic übernahm die Verantwortung und knallte das Leder hoch ins Eck - das erste EM-Tor für Österreich bescherte ein Gruppenfinale gegen Deutschland. Doch das ersehnte Cordoba-Dacapo gelang nicht: 0:1 - und die EM war schon wieder vorbei. Auf den ersten EM-Sieg wartet Österreich übrigens noch immer.

Und 2008 sorgte Vastic mit dem ÖFB-Premierentor zumindest für titelverdächtigen Jubel. - © apa / Robert Jäger
Und 2008 sorgte Vastic mit dem ÖFB-Premierentor zumindest für titelverdächtigen Jubel. - © apa / Robert Jäger

Elfer-Debakel in Orange. Bleiben wir bei EM-Enttäuschungen - da sticht vor allem das Penaltydesaster der Niederländer bei den Millenniumsspielen heraus. Im Halbfinale gegen Italien waren die Gastgeber (in Überzahl) drückend überlegen, doch alle Chancen wurden fahrlässig verjuxt. Auch jene vom Punkt: Nach bereits zwei vergebenen Strafstößen in der regulären Spielzeit verschossen die Holländer auch gleich drei im Elferschießen. Statt des ersehnten EM-Titels stürzte ein Land in Agonie.

Balotellis Deutschland-Kracher. Italien im EM-Finale - das gab es auch 2012. Und hauptverantwortlich dafür war vor allem ein Mann: Mario Balotelli. Das Enfant terrible prolongierte mit seinen zwei Halbfinal-Treffern das deutsche Italien-Trauma - wobei vor allem sein Kreuzeck-Kracher in die Annalen einging. Um danach seinen gestählten Oberkörper wie eine Statue zu präsentieren. Ein Schuss wie ein Stich in die schwarz-rot-goldene Fußballseele.

Poborskys Himmel-Lupfer. Da war die Queen gewiss very amused, angesichts dieses magischen Moments beim EM-Viertelfinale 1996 in England. Der Tscheche Karel Poborsky bewies nach einem Solo gegen vier Portugiesen, dass die Tschechen die EM-Lupferkönige sind - und schupfte das Leder Panenka-like vom Sechzehner in hohem Bogen über Goalie Vitor Baia hinweg zum 1:0-Siegtreffer. Prädikat: Weltklasse!

Zlatans Karate-Tor. Auch Zlatan Ibrahimovic ist ein Mann für außergewöhnliche Tore - was er erstmals auf großer Bühne bei der EM 2004 demonstrierte. Im Gruppenspiel gegen Italien gelang dem damals 23-Jährigen ein ebenso atemberaubender wie absolut unnachahmlicher Treffer: Mit dem Rücken zum Tor versenkt er einen hoch am Fünfer aufspringenden Ball in Manier eines fernöstlichen Kämpfers im Gehäuse - so etwas hatte die Fußballwelt noch nicht gesehen.

Arconadas finales Steirertor. Das ließe sich über die folgende Szene bei der EM 1984 nicht gerade behaupten, zumal derlei auf holprigen Landesligaplätze schon öfter vorkommt. In einem EM-Finale aber eher nicht. In der 57. Minute ließ der spanische Keeper Luis Arconada einen Freistoß von Michel Platini durch die Hände ins Tor gleiten. Ein Steirertor ebnete den Franzosen den Heim-EM-Titel.

Ronaldos zweifache Tränen. Zwei Mal in einem EM-Finale zu weinen - einmal aus Frust, einmal aus Freude - das schaffte (vor fünf Jahren) nur ein Cristiano Ronaldo. Just bei seinem vielleicht letzten Nationalteam-Highlight musste der Superstar in der Anfangsphase verletzt vom Platz, um dann seine Elf als Ersatzcoach gegen die überlegenen Franzosen wild gestikulierend anzutreiben. Und um den eingewechselten Eder den Siegtreffer zu prophezeien, der diesem in der 109. Minute tatsächlich gelang. Bei der Pokalübergabe war der Kapitän dann natürlich mit seinen Händen als Erster dran. Wer es heuer sein wird, wissen wir am 11. Juli.