Sich vor dem EM-Auftaktmatch in die Außenseiterrolle zu quasseln, wird sich für Franco Foda niemals ausgehen. Nordmazedonien ist Nordmazedonien, Österreich ist Österreich. Und hat den EM-Debütanten in der Qualifikation zwei Mal nicht nur besiegt, sondern beim 4:1 in Skopje sowie beim 2:1 in Wien auch spielerisch dominiert. Seither ist aber doch einiges passiert: Denn die Kicker vom kleinen Balkanstaat haben sich nicht nur das erstmalig vergebene Underdog-EM-Ticket aus der untersten Nations-League-Klasse geholt (im Finale gegen Georgien), sondern sich nach dieser landesweiten Euphorie zu einer nie für möglich gehaltenen Sensation aufgeschwungen: Mit dem 2:1-Sieg in Deutschland - nicht etwa in einem Test, sondern in der WM-Qualifikation (und das hochverdient) - haben sie beim viermaligen Weltmeister Schockwellen verursacht, die auch hierzulande zu spüren waren.

Denn just am selben Tag, am 31. März, ist die ÖFB-Auswahl gegen Dänemark im Prater mit 0:4 untergegangen, womit das direkte Gruppensieger-WM-Ticket schon sehr unwahrscheinlich geworden ist. Für die Euro waren beide Ergebnisse aber vielleicht sogar ein Glücksfall - weil sich einerseits keine überbordende (oder eher gar keine) Euphorie in einem vorschnell zur Fußball-Euphorie neigenden Land ausbreiten konnte, andererseits niemand mehr auf die Idee kommen wird, den Gegner vom Sonntag (18 Uhr/ORF1) zu unterschätzen. 2016, bei der verpatzten Frankreich-EM, war es noch genau umgekehrt: Eine entzückte Fanschar, die den Weg der Marcel-Koller-Elf schon Richtung Viertelfinale vorzuzeichnen begann - bei vermeintlich schwachen Vorrundengegnern wie Debütant Island und Turnier-Abstinenzler Ungarn. Der Rest ist (dunkle) Geschichte.

Demnach sind alle ÖFB-Akteure, die derzeit vor die Mikrofone gebeten werden, tunlichst bemüht, vor dem Auftaktgegner zu warnen. Etwa Abwehrroutinier Aleksandar Dragovic, der insbesondere Nordmazedoniens Altstar Goran Pandev (36 Jahre) ins Visier nahm, der in der abgelaufenen Serie-A-Saison seinen zweiten Frühling erlebte und sieben Treffer sowie drei Assists für Genoa beisteuerte. "Er ist ein Weltklassestürmer", dozierte Dragovic. "Er ist brandgefährlich und immer für ein Tor gut, auch wenn er nicht mehr der Schnellste ist. Aber er hat einen Riecher dafür."

Der 119-fache Internationale ist tatsächlich der Mann für besondere Tore - gegen Georgien scorte er das entscheidende Goldtor, in Deutschland traf er zum 1:0. Doch sich nur auf den ehemaligen Inter- und Lazio-Star zu fokussieren, wäre falsch, meint Dragovic. "Nordmazedonien hat viele gute Spieler", und nannte etwa Eljif Elmas von SSC Napoli. Daher laute das Motto: "Wir gehen ins Spiel, um zu gewinnen, aber wir brauchen keine großen Töne spucken und nicht sagen, wir gewinnen mit einem Bein. Wir müssen 100 Prozent abliefern, sonst wird es schwer", erklärte Dragovic. Ein Vorteil sei, den Gegner durch die beiden Duelle schon in- und auswendig zu kennen: "Wir kennen ihre Schwächen und wissen, wie wir sie bespielen können", erzählte Dragovic. "Sie bauen meistens mit einer Dreierkette auf, durch ihre offensive Spielweise sind hinten Lücken da. Wir müssen nach Ballgewinnen schnell umschalten, dann sind Räume hinter der Kette zu finden."

"Selbstvertrauen größer"

Beim Neuling scheint man indes von Zurückhaltung wenig zu halten: "Wir fühlen uns nicht als Außenseiter, das haben wir in den letzten Spielen gezeigt. Bei dieser EM werden wir bestätigen, dass wir es als Team wirklich verdient haben", sagte etwa Mittelfeldspieler Enis Bardhi. Und sein Kollege Tihomir Kostadinov hält die beiden Qualifikations-Niederlagen für irrelevant: "Wir haben seit dem letzten Spiel gegen Österreich große Fortschritte gemacht. Das Selbstvertrauen von uns allen ist größer geworden."

Vielleicht auch ein Punkt, der für Österreich spricht: Die Erwartungshaltung in der Zwei-Millionen-Nation ist nach den jüngsten Leistungen enorm, der Gruppenaufstieg darf gefordert werden. Das kann schnell schiefgehen - siehe Österreich anno 2016.