Wer folgt Portugal als Europameister? Wenn das Turnier am Freitag mit dem Eröffnungsspiel Italien gegen Türkei in Rom beginnt (21 Uhr), geht die große Tipperei wieder los. Für die Sportwettenanbieter ist die - um ein Jahr verschobene - EM wie ein "Weihnachtsgeschäft", wie tipp3-Geschäftsführer Philip Newald sagt. Für viele ist Frankreich, im Finale 2016 nur knapp an Portugal gescheitert, Favorit; der Titelverteidiger indessen wird - Corona-Probleme hin, Außenseiterstatus her - das Seine tun, um den Erfolg zu wiederholen - zumal es auch für Superstar Cristiano Ronaldo bei seiner womöglich letzten EM die Chance wäre, auf dem Platz für Furore zu sorgen. Im EM-Finale 2016 musste er bekanntlich verletzungsbedingt vom Feld, woraufhin er kurzerhand in die Rolle des Co-Trainers schlüpfte und seine Mannschaft wild gestikulierend zum Sieg in der Verlängerung antrieb.

Für Italien, den Europameister von 1968 und vierfachen Weltmeister, geht es darum, die Schmach von 2017 auszumerzen. Damals lag der Calcio in Trümmern, nachdem man die Weltmeisterschaft in Russland verpasst hatte. Doch unter Trainer Roberto Mancini hat sich die Squadra Azzurra wieder zu einer Macht im Fußball entwickelt. Die Türken rechnen sich dennoch Chancen auf eine Überraschung zur EM-Ouvertüre aus. In der Gruppe A mit Wales und der Schweiz - die am Samstag in Baku aufeinandertreffen - ist die Ausgangslage dahingehend abgesteckt, dass hinter Favorit Italien, der zudem alle Gruppenspiele zu Hause bestreiten kann, alles offen scheint. Für die türkische Trainer-Legende Senol Günes hängt dennoch "sehr viel vom Eröffnungsspiel ab", wie er betont. Der 69-Jährige führte sein Heimatland vor 19 Jahren ins WM-Halbfinale. In der EM-Qualifikation überraschten die Türken unter Günes nun gegen Weltmeister Frankreich mit vier Zählern aus zwei Duellen.

Stolperstein sollte die Türkei für die stolzen Italiener aber keiner sein. "Das Ziel ist es, am 11. Juli in Wembley das Finale zu spielen", sagt Mancini vollmundig vor Turnierstart. Der Titel könne "eine Wiedergeburt für den Fußball und für das ganze Land sein". Die Ergebnisse in der Qualifikation haben jedenfalls Mut gemacht. Zehn Siege gab es in zehn Spielen der EM-Qualifikation. Zuletzt marschierten die Italiener in der Nations League ins Finalturnier und starteten mit drei Siegen in die WM-Qualifikation. Seit einem 0:1 gegen Portugal im September 2018 ist Italien in 27 Spielen ungeschlagen geblieben. Zum Rekord aus den 1930er-Jahren fehlen noch drei Spiele. Zuletzt blieb die Mannschaft in acht Partien in Folge ohne Gegentor.

Türkei mit eingespielter Mannschaft

Nun gelte es, sich auch auf großer Bühne zu beweisen, sagt Alessandro Florenzi. Bei der EM 2016 kam im Viertelfinale im Elferschießen gegen Deutschland das Aus. "Diese Mannschaft hat mehr Qualität als vor fünf Jahren. Aber um dies auch zu zeigen, müssen wir zumindest über das Viertelfinale hinaus kommen", betont der vergangene Saison für Paris Saint-Germain spielende Rechtsverteidiger. Bei den Italienern stimmt die Mischung: Veteranen wie das Abwehrbollwerk Leonardo Bonucci und Giorgio Chiellini oder Florenzi bringen Erfahrung mit. Torhüter Gianluigi Donnarumma, Federico Chiesa oder Nicolo Barella stehen für die neue Welle. Etwas Sorgen bereitet Marco Verratti. Der Mittelfeldmotor von PSG ist nach einer Knieverletzung noch nicht voll fit und wird auch gegen die Türkei fehlen. Einen Weltstar haben die Italiener nicht im Team. Das soll kein Nachteil sein. "Wir haben keine Spieler, die auf internationalem Niveau herausstechen und in einer Sekunde Spiele drehen können. Aber gegen große Mannschaften hat das Team den Unterschied gemacht", sagt Bonucci. Was außerdem für die Azzurri spricht: Sie dürfen im Stadio Olimpico vor 16.000 Tifosi spielen und müssen nicht tausende von Kilometern zu den Partien im zweiten Spielort Baku fliegen.

Gegen die Türkei bekommen es Bonucci (34) und Chiellini (36) mit einem Angreifer zu tun, der altersmäßig zum Duo passt. Burak Yilmaz ist 35, aber als Torjäger nach wie vor gut in Schuss. Darüber hinaus verfügt die Türkei über eine eingespielte Mannschaft, aus der 15 Spieler in England, Italien, Deutschland, Spanien oder in den Niederlanden ihr Gehalt verdienen, darunter auch der gebürtige Wiener Mert Müldür, der bei Sassuolo spielt. Günes’ Vorgänger Fatih Terim traut dem Team alles zu. Zum "Corriere della Sera sagte er: "Es wird ein Schlager zwischen einer Mannschaft, die voll durchzieht und einer, die jedem Probleme bereiten kann. Unterschätzt uns nicht, das wäre ein Fehler. Ich wäre nicht überrascht, die Türkei im Wembley zu sehen."(apa/art)