Der Jugend gehört die (Fußball-)Welt! Und daher orakelte man im Vorfeld der Fußball-EM, wessen Stern denn in den kommenden vier Wochen aufgehen, wer sich vom Jung- zum neuen Superstar aufschwingen würde. Und wer von den Mason Mounts (22), Jadon Sanchos (21), Jamal Musialas (18) oder Joao Felix’ (21) in die großen Fußstapfen hochdekorierter Allzeitgrößen wie Cristiano Ronaldo oder Luca Modric treten könnte. Übersehen wird dabei, dass diese "Alten" ja auch noch da sind und vielleicht sie es sind, die die entscheidenden Akzente im Turnier setzen werden. Wahrscheinlich gab es noch nie so viele prominente Ü35-Jährige wie heuer, die den Sport in den vergangenen Jahren maßgeblich geprägt haben und immer noch das Zeug haben, ihre Superstar-Rolle zu erfüllen. Mehr als die Hälfte der 24 Teams setzt jedenfalls auf einen Oldie, der mehr als 35 Jahre auf dem Buckel hat. Ein Überblick.

Andreas Ulmer, ÖFB-Duracellhase. - © apa / Pfarrh.
Andreas Ulmer, ÖFB-Duracellhase. - © apa / Pfarrh.

Andreas Ulmer (35): Zwar kein Superstar, aber immerhin weltberühmt in Österreich darf man den gebürtigen Linzer schon nennen. Zumal der Red-Bull-Salzburg-Kapitän der absolute Rekordmann - was Titelgewinne betrifft - im österreichischen Fußball ist. Seit 2006 durfte Ulmer zwölf Mal den Meisterteller und acht mal den Pokal stemmen - das ist unerreicht. Im ÖFB-Team ist der linke Außenverteidiger freilich ein Spätstarter, weshalb er erst jetzt im hohen Fußballalter zum EM-Debüt kommt. Erst unter Franco Foda avancierte der Vorzeigeprofi zum Stammspieler, deshalb kann er nur 24 Teameinsätze vorweisen - angesichts etlicher Europacupschlachten wird sich das Lampenfieber des Laufwunders wohl in Grenzen halten.

Goran Pandev (37). Gleich zum Auftakt am Sonntag (18 Uhr) kommt es für Ulmer auch zum Aufeinandertreffen mit einem Spieler, der noch älter ist als er: Goran Pandev. Der nordmazedonische Stürmerstar ist so etwas wie ein Nationalheld und das größte fußballerische Aushängeschild des kleinen Balkan-Staates. Schien es in den beiden Qualifikations-Duellen mit Österreich (1:4/1:2) anno 2019 noch so, als wäre die Zeit des früheren Inter- und Lazio-Goalgetters vorbei, hat er jüngst mit seinen siegbringenden Treffern in Georgien und Deutschland die Nation in Entzückung versetzt. Der 119-fache Internationale, der vor allem wegen seines Torinstinkts im Strafraum brandgefährlich ist, strotzt vor Selbstvertrauen: "Es wäre kein Wunder, wenn wir die Gruppenphase überstehen würden."

Cristiano Ronaldo (36): Die Gruppenphase zu überstehen ist für einen Mann seines Kalibers eigentlich selbstverständlich. Bis auf die WM 2014 gelang der portugiesischen Selecao mit Ronaldo noch bei jedem Turnier der Aufstieg - wenn auch mitunter als Gruppendritter wie 2016. Dass am Ende überraschenderweise der Europameistertitel gefeiert werden durfte, war natürlich mit ein Verdienst des fünffachen Weltfußballers, der besonders in der K.o.-Phase entscheidend zur Stelle war. Die Vorrunde mit den Gegnern Deutschland, Frankreich und Ungarn wird für Ronaldo und Co. heuer allerdings ein enormer Prüfstein, hinzu kommt seine ungewisse Form und eine Saison zum Vergessen bei Juventus. Dass dies sein letztes Großereignis sein könnte, kann man aber getrost ausschließen - der Modellathlet kann wohl auch in drei Jahren in Deutschland noch Tore schießen. 104 Treffer in 175 Länderspielen sind noch lange nicht genug.

Giorgio Chiellini (36): Ronaldos Juventus-Teamkollege führte Italien bereits am  Freitag im Eröffnungsspiel gegen die Türkei als Kapitän zu einem hochverdienten 3:0-Erfolg. Seit Jahren zählt der Mann aus Pisa zum fixen Bestandteil des Abwehrbollwerks der Squadra Azzura, und hat als solcher in 105 Länderspielen die jüngsten Höhen und Tiefen durchlebt. Seit der Bissattacke von Luis Suarez bei der WM 2014 ist Chiellini so etwas wie Italiens Kult-Verteidiger. Dass er selbst nicht zur klassischen italienischen Eisenfuß-Schule zählt, beweist folgende Statistik eindrucksvoll: In 625 Vereins-Partien gab es nur zwei Mal Rot und vier Mal Gelb-Rot - in Länderspielen überhaupt nie.

Luka Modric (35): Der Real-Madrid-Star ist immer noch Herz, Hirn und Lunge der kroatischen Auswahl - von ihm wird es abhängen, ob die Vatreni auch nur in die Nähe einer Sensation wie bei der WM 2018 (Vizeweltmeister) kommen. 2018 war sowieso das Jahr des 1,72 Meter kleinen Mittelfeldregisseurs aus Zadar: Champions-League-Sieg, Weltfußballer, bester WM-Spieler etc. Der Rekord-Teamspieler (135 Einsätze) hat heuer aber mit Real eine titellose Saison hinter sich.

Luca Modric, Hirn Kroatiens. - © afp / Klamar
Luca Modric, Hirn Kroatiens. - © afp / Klamar

Manuel Neuer (35): Deutschlands Nummer eins hat bisher alle Angriffe der hochkarätigen Konkurrenz souverän pariert und ist soeben als erster Goalie in den "Hunderter"-Klub der DFB-Auswahl eingetreten. "Das ist etwas ganz Besonderes, als Torwart so viele Spiele zu machen für sein Land", sagte der Bayern-Keeper, der keinesfalls an Rücktritt denkt. "Ich bin 35, fühle mich aber fit und sehr leistungsfähig", meinte der Weltmeister von 2014.