Fahrzeuge mit Blaulicht, Einsatzkräfte, die eilig ins Stadion hetzen - für den einen oder anderen Bewohner der Auensiedlung in München wurden am Montag möglicherweise Erinnerungen an den tragischen 13. November 2015 wach, als das Stade de France in Paris während eines Freundschaftsspiels Ziel eines Terroranschlages wurde. Die gesamte Nacht mussten die französische und die deutsche Nationalmannschaft damals in der Arena zubringen, nachdem vor dem Stadion und in anderen Teilen der französischen Hauptstadt Sprengsätze detoniert waren. Im Fall der Allianz-Arena in München konnte am Montagmorgen rasch Entwarnung gegeben werden: Eine brennende Elektroverkabelung in einem Technikraum hatte den Feuerwehreinsatz ausgelöst.

Andererseits hat dieser Vorfall in München gezeigt, wie sensibel der Fußball - auch wenn hier die Pandemie aktuell vieles zudeckt - in Sachen Terrorgefahr geworden ist. Die Nationalteams von Frankreich und Deutschland jedenfalls, die heute, Dienstag, in ihrem ersten Gruppenspiel bei dieser Europameisterschaft in München aufeinandertreffen (21 Uhr), dürfte die gemeinsame Erfahrung von 2015 etwas zusammengeschweißt haben. Es ist eine Freundschaft, die nicht nur in Politik und Wirtschaft, sondern vor allem im Fußball seit Jahrzehnten währt: 31 Mal haben sich das DFB-Team und die Equipe Tricolore auf dem Platz bereits gemessen, 10 deutschen Siegen stehen hier 7 Unentschieden und 14 Triumphe Frankreichs gegenüber. Das erste und bisher einzige EM-Spiel zwischen den beiden Kontrahenten, das Semifinale bei der EM 2016, gewannen die Franzosen (2:0), dafür haben die Deutschen bei Weltmeisterschaften - drei Siege, eine Niederlage - die Nase vorne.


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Älteren Fans in Erinnerung geblieben ist bestimmt die legendäre "Nacht von Sevilla" im Rahmen der WM 1982 in Spanien. Die Partie gilt nicht nur wegen der hohen Qualität des Spiels sowie der Trefferzahl als außergewöhnlich, sondern zählt auch zu den unterhaltsamsten und spannendsten Duellen der Fußballgeschichte. Damals setzte sich Deutschland nach 3:3-Remis im Elfmeterschießen mit 5:4 durch. 1998 und 2000 wiederum führte Frankreichs amtierender Teamchef Didier Deschamps die Equipe Tricolore als Kapitän zu Triumphen bei WM und EM.

"Auf dem Papier stärker"

Und so wie einst Zinedine Zidane, Deschamps und Co. mit dem Ball zauberten, kann sich auch heute die Qualität von Akteuren wie Kylian Mbappe, Antoine Griezmann, Mittelfeldmotor N’Golo Kante oder Paul Pogba sehen lassen. Mit Karim Benzemas Comeback wurde die hochklassig besetzte Offensivabteilung noch einmal zusätzlich aufgewertet. Während es für Dechamps darum geht, seinen einst als Spieler errungenen EM-Sieg nun auch als Trainer zu wiederholen, will sich DFB-Coach Joachim Löw zum Abschluss seiner Ära als Bundestrainer mit einem Erfolg verabschieden. Furcht verspürt im Team keiner. "Auf dem Papier sieht Frankreich stärker aus, was die Namen angeht. Aber das ist nur Papier", meinte etwa Verteidiger Antonio Rüdiger von Champions-League-Gewinner Chelsea.

Beide Teams haben seit Einführung der Gruppenphase noch nie ein EM-Startspiel verloren, weswegen in der fordernden Gruppe F, durch Europameister Portugal ergänzt, nichts geschenkt werden wird - und lediglich Außenseiter Ungarn aller Voraussicht nach die undankbare Rolle des Punktelieferanten einnimmt. Hochmut ist bei den Deutschen daher keine Kategorie: "Der größte Gegner ist erstmal die Gruppe. Die zu überstehen, wäre schon einmal ein Statement", sagte Toni Kroos. Löw wiederum geht 14 Jahre, neun Monate und 30 Tage nach seinem ersten Spiel als Bundestrainer "mit sehr viel Vorfreude und einem gesunden Optimismus in das Turnier", wie er betonte.

Immerhin ist man auch daran, einen neuen Rekord aufzustellen: So bestreitet Deutschland gegen Frankreich das bereits 50. Spiel bei einer EM-Endrunde seit 1972. So oft war keine andere Nationalelf bei einem Kontinentalturnier im Einsatz. Nur zwölf Partien gingen für den dreifachen Europameister verloren, die bisher letzte - wie erwähnt - beim 0:2 2016 gegen Frankreich. Bei der WM in Brasilien hatte sich zwei Jahre davor im Viertelfinale Deutschland durchgesetzt (1:0). "Das wird ein schweres Spiel gegen eine starke Mannschaft", betonte Frankreichs Benjamin Pavard: "Sie haben große Spieler wie Thomas Müller zurückgeholt." Man darf also auf die Partie in München gespannt sein, auf eine Partie zwischen ziemlich guten Freunden mit sportlichen Glanzlichtern - und anstelle von Blaulichtern.(rel/apa)