Nüchtern betrachtet ist noch gar nichts gewonnen. Auch dass ein rot-weiß-rotes Bein schon im Achtelfinale stehen könnte, ist falsch. Es mag zwar vor fünf Jahren Portugal als Gruppendritter mit drei Punkten und ausgeglichenem Torverhältnis aufgestiegen und anschließend Europameister geworden sein, bei der letzten WM im 24er-Modus (USA 1994) reichten aber drei Zähler und ein positives Torverhältnis schon nicht mehr zum Weiterkommen. Folgerichtig stellte ÖFB-Teamchef Franco Foda nach dem viel umjubelten und auch historischen 3:1-EM-Auftaktsieg über Nordmazedonien am Sonntagabend unmissverständlich klar: "Wir brauchen schon noch Punkte, um uns dann auch für das Achtelfinale zu qualifizieren."

Als Erster oder Zweiter der Gruppe C geht die Reise durch Europa jedenfalls weiter - aber nur die vier besten Gruppendritten dürfen aufsteigen. Nach Runde eins bekleidet die ÖFB-Auswahl die Tabellenspitze und darf am Donnerstag (21 Uhr) in der Johan-Cruyff-Arena die Niederlande fordern, die am Sonntag die Ukraine 3:2 besiegen konnten.

Zuvor galt es aber, den historischen Erfolg von Bukarest - erster EM-Sieg für Österreich überhaupt, erster Erfolg bei einem Endrundenturnier seit 19. Juni 1990 in Italien (2:1 über die USA) - zu sezieren. Vor allem der Auftritt gegen den EM-Neuling vom Balkan, der nach dem Sieg in der WM-Qualifikation in Deutschland mit breiter Brust und viel Fan-Unterstützung angetreten war, stimmte Foda zuversichtlich für den weiteren Turnierverlauf: "Der Sieg war absolut verdient. Man hat es von der ersten Minute an gespürt, dass die Mannschaft dieses Spiel unbedingt gewinnen wollte." Auch nach dem zwischenzeitlichen Ausgleich durch Altstar Goran Pandev (28.Minute) - der Teamchef sprach von einer "Unachtsamkeit", der bedrängte und wohl gefoulte Torhüter Daniel Bachmann agierte ebenso unglücklich wie Martin Hinteregger - habe seine Mannschaft "jede Sekunde an den Sieg geglaubt". Zuvor hatte Stefan Lainer in der 18. Minute eine Traumkombination per Volley zur Führung abgeschlossen. Die eingewechselten Joker Michael Gregoritsch (78.) und Marko Arnautovic (89.) stachen dann im Finish und fixierten schließlich die wichtigen drei Punkte.

Foda hatte freilich viel Risiko genommen und dieses Match letztlich auch der Trainerbank entschieden. Zunächst überraschte er selbst Fußball-Insider mit dem 3-5-2- respektive 5-3-2-System, wobei Neo-Real-Madrid-Akteur David Alaba auf der Libero-Position in der Dreierkette zu finden war - also dort, wo er zuletzt auch häufig bei den Bayern zum Einsatz gekommen war. Bis auf ein paar Halbchancen der Mazedonier ließ dieses Defensivsystem auch kaum etwas zu. "Ich habe immer gesagt, wir wollen flexibel bleiben. Die Mannschaft kann beide Systeme spielen. Für mich war es kein Risiko, sonst hätte ich es nicht gemacht", betonte Foda anschließend. Gegen Ende wurde Alaba dann immer offensiver, um schließlich den Führungstreffer per Weltklasseflanke von seiner traditionellen Linksaußen-Bayern-Position vorzubereiten.

Dass Arnautovic erst in der letzten halben Stunde eingewechselt wurde, um dann die am Ende zusehends entkräftete Abwehr der Lüchse auszuhebeln, ging voll auf - allerdings quittierte der China-Legionär seinen Treffer mit einer Schimpfkanonade (Richtung Gegenspieler Ezgjan Alioski), die möglicherweise ein disziplinäres Nachspiel haben wird. Alaba versuchte sogar, dem Wiener mit serbischen Wurzeln (vergeblich) mit Händen den Mund zuzuhalten. Am Montag trat Arnautovic dann allen Spekulationen über einen nationalistischen Hintergrund vehement entgegen: "Ich bin kein Rassist und werde niemals einer sein", so der 32-Jährige. "Es war ein Wortgefecht in den Emotionen, von der einen wie von der anderen Seite."

"Topfitter Marko spielt immer"

In Amsterdam sollte Arnautovic auch wieder zur Startelf gehören, wenn der Oberschenkel dies zulässt. "Wenn Marko topfit ist, spielt er bei mir immer von Anfang an", erklärte Foda, der gegen Nordmazedonien "noch kein Risiko" eingehen wollte. "Es ist durchaus möglich, dass er dann auch gegen Holland von Anfang an spielt."

Das Duell mit dem Europameister von 1988 wird aber auch taktisch eine vollkommen andere Partie, wie man spätestens seit dem verdienten, aber mühevollen Auftaktsieg der Oranje weiß. Die voll auf Offensive eingestellte Elftal offenbarte in der Defensive große Lücken, weshalb die Ukrainer ein 0:2 binnen fünf Minuten egalisieren konnten; gleichzeitig tanzten sich die Stars Memphis Depay und Georginio Wijnaldum nach Belieben durch den Strafraum, was auch für die rot-weiß-rote Defensive eine große Herausforderung zu werden droht. Das weiß auch Mittelfeldmotor Xaver Schlager, der bei aller Feierstimmung am Sonntag auch warnte: "Wir müssen noch besser werden, es war nicht alles optimal. Doch wir sind gut ins Turnier gestartet, das ist das Wichtigste."