Es waren lange und mitunter quälende Minuten in Sevilla, und sie wurden immer mehr. Sechs Minuten ließ der Schiedsrichter beim Gruppe-E-Match zwischen Spanien und Schweden nachspielen, doch es hätte noch sechzehn oder sechzig Minuten länger dauern können, rein spekulativ natürlich, und Spanien hätte wohl kein Tor geschossen. Manche Zuschauer fragten sich schon, ob das denn niemals ein Ende haben würde - und wurden nach Schlusspfiff prompt von Spaniens Teamchef Luis Enrique in ernüchternder Weise aufgeklärt: Nein, wird es nicht.

Seine Mannschaft werde selbstverständlich auch in den nächsten Spielen - sprich am Samstag gegen Polen, am kommenden Mittwoch gegen die Slowakei - an ihrer Spielweise festhalten; und, wenn es gut geht, darüber hinaus. Betonung auf: wenn.


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Denn nach dem 0:0 liegen die Iberer, die als dreifacher Europameister den Anspruch haben, weit zu kommen, hinter der kleinen Slowakei zurück. Diese sowie Polen, das sich zum Auftakt ebenfalls unter Wert hat schlagen lassen, muss erst einmal bezwungen, die schwedische Mauer hinter sich gelassen werden. Enriques Worte klingen dann auch mehr nach Durchhalteparolen als nach einer echten Kampfansage. "Wir wollen noch immer die Gruppe gewinnen. Wenn wir das nicht schaffen, wollen wir Zweiter werden. Und wenn das nicht gelingt, einer der besten Gruppendritten." Dann, so die Rechnung, könnte man noch immer ins Achtelfinale aufsteigen und im Turnier so richtig durchstarten.

Doch sie klingen auch ähnlich wie bei den jüngsten Großereignissen, ähnlich ist auch die Herangehensweise - und das ist vielleicht das Grundproblem der Spanier, die über eines der größten Reservoirs an talentiertem Nachwuchs Europas verfügen. Von klein auf ist die Herangehensweise dieselbe, und das seit Jahren. Seit jenen Jahren zumindest, in denen die Iberer spielbestimmend auf allen Ebenen waren, von 2008 (EM) über 2010 (WM) bis 2012 (EM) die Titel in barcelonesker Manier nur so abstaubten. Seither hat sich die auf Pass- und Kombinationsspiel konditionierte Philosophie, die sich meist in einem 4-3-3 manifestiert, nicht nachhaltig geändert.

Geändert haben sich aber die Gegner und die eigene Geschwindigkeit, wobei es vielleicht kein Vorteil war, dass die spanische Teamführung jenen Rest der Mannschaft, der noch nicht immunisiert war, nach dem positiven Corona-Test von Sergio Busquets in einer Art Panikreaktion nur wenige Tage vor dem Auftaktspiel zur Impfung antanzen ließ. Ob das einen Einfluss auf die Leistung hatte, ist freilich Gegenstand von Spekulation - dass Spanien aus mehr als 950 Passversuchen keinen Nutzen ziehen konnte, aber ebenso Tatsache wie dass man sich das Leben vor der Eröffnung großer Turniere gerne selbst schwer macht.

Der Anfang vom Ende - oder etwas Großem?

In schlechter Erinnerung ist diesbezüglich noch die WM 2018, als die Mannschaft nur zwei Tage vor ihrer ersten Partie plötzlich ohne Teamchef dastand, weil es sich der Verband nicht gefallen lassen wollte, dass das für nach der WM avisierte Engagement Julen Lopeteguis bei Real Madrid bereits ausverhandelt und durchgesickert war. Auch bei der EM zwei Jahre davor hatten die Spanier noch vor dem Ankick Schlagzeilen geschrieben, als Torhüter David de Gea aufgrund von Missbrauchsvorwürfen aus dem Kader verbannt werden musste. Beide Male musste man sich nach dem Achtelfinale verabschieden.

Noch schlimmer hatte es die Furia Roja bei der WM 2014 erwischt: Ein 1:5 gegen die Niederlande zum Auftakt bedeutete den Anfang vom Ende, das schließlich mit dem Vorrunden-Aus besiegelt wurde. Schon damals war der Abgesang auf das jahrelang erfolgreich zelebrierte Tiqui-Taca laut. Gehört wurde er bis heute offenbar nicht.

Erschwerend kommt nun hinzu, dass die Spanier - zumindest hatte es im Match gegen Schweden den Anschein - zwar weiterhin sehr gute Spieler haben, aber nicht mehr diejenigen, die mit einer Einzelaktion alles entscheiden können. Alvaro Morata war es jedenfalls am Montag nicht; der Angreifer, dem Enrique den Vorzug gegenüber dem in dieser Saison mit 30 Toren überzeugenden Villarreal-Stürmer Gerard Moreno in der Start-Elf gegeben hatte, stand dann auch im Mittelpunkt der Presse-Kritik (die sich allerdings insgesamt noch überraschend in Grenzen hielt).

Luis Enriques Personalentscheidungen werden hinterfragt. - © reuters / Marco Del Pozo
Luis Enriques Personalentscheidungen werden hinterfragt. - © reuters / Marco Del Pozo

Überhaupt sind die Personalentscheidungen des früheren Barcelona-Trainers Enrique derzeit Gegenstand hitziger Debatten: Denn erstmals wurde kein einziger Real-Madrid-Akteur zur EM mitgenommen. Nachdem der Auftakt nicht wie erhofft gelaufen ist, ist Enrique nun erst recht mehr mit Rechtfertigungen denn mit Gegneranalyse beschäftigt.

Zur Seite springt ihm dabei Cesc Fabregas, 2010 Teil der Weltmeistermannschaft. Auch damals, gibt er in Interviews zu bedenken, habe man das erste Spiel (gegen die Schweiz) verloren - und sei danach Weltmeister geworden. Fazit: "Es kommt nicht darauf an, wie man beginnt, sondern wie man aufhört." Doch auch dieses Aufhören könnte für die Spanier noch quälender werden als erwartet.