Markku Kanerva war wohl bisher in Fußball-Europa nur eingefleischten Fans ein Begriff, ebenso die Wortschöpfungen Huuhkajat und Palloliitto. Kein Wunder, wer liest und vor allem versteht schon Finnisch? Tatsächlich könnte diese blanke Unkenntnis in diesen Tagen, wo sich das Nationalteam aus dem hohen Norden anschickt, bei der laufenden EM möglicherweise Geschichte zu schreiben, in eine kleine Offenbarung umschlagen. Zarte Erinnerungen an den unerwartet erfolgreichen Lauf der Isländer bei der Euro 2016 in Frankreich werden wach ("Huuh! Huuh! Huuh!"), oder an die Nationalelf aus Wales, die es bei ihrem Debüt sogar bis ins Halbfinale schaffte. Kommen jetzt die Finnen?

Nun, da muss man differenzieren. Zwar hat die Elf von Trainer Kanerva den Europameister von 1992, Dänemark, am vergangenen Samstag überraschend mit 1:0 geschlagen, mit der Leistung der Isländer oder Waliser von einst ist dieser Triumph aber nicht zu vergleichen. Finnland war vom Start weg in der Defensive, wies einen Ballbesitz von 30 Prozent auf und führte nur 283 Pässe zu Ende. Dänemark hingegen passte 633 Mal, gab 22 Schüsse und 6 Torschüsse ab. Allein der Ball wollte nicht in den Kasten, auch nicht der von Pierre-Emile Höjbjerg getretene und von Lukas Hradecky von der Torlinie gekratzte Elfer. Dass die Finnen mit Ausnahme des Tores von Joel Pohjanpalo sonst keinen einzigen Schuss abgaben, mag Glück und dem emotionalen Gerüst der dänischen Kicker, die kurz zuvor auf dem Rasen Augenzeugen von Christian Eriksens Herzanfall geworden waren, geschuldet gewesen sein. Wie sehr der Vorfall Tage später noch an der Mannschaft nagt, zeigt etwa die Geste von Dänen-Coach Kasper Hjulmand, seinen Kickern den kommenden Antritt gegen Belgien freizustellen.

Historisches Russland-Spiel

Ob der Sieg vom Samstag nun nur ein Strohfeuer oder doch der Beginn eines Fußballmärchens war, wird die Mannschaft des Suomen Palloliitto genannten Fußballverbands Finnlands am Mittwoch in der Partie gegen den WM-Gastgeber von 2018, Russland, unter Beweis stellen müssen (15 Uhr). Holen die Uhus, wie die Finnen genannt werden, auch im nahen St. Petersburg drei Punkte, wäre die Sensation perfekt und der EM- Debütant stünde - vor allem sollten die Dänen gegen Belgien nicht siegreich sein - im Achtelfinale. Nur müsste für den Coup der erste Sieg über die Russen seit 109 Jahren her. Zuletzt besiegte Finnland, das damals ironischerweise noch Teil Russlands war, das Zarenreich am 30. Juni 1912 bei den Olympischen Spielen mit 2:1 und wurde Gesamt-Vierter. Acht Jahrzehnte lang, also die gesamte Sowjetzeit, standen sich die beiden Teams nicht mehr gegenüber, erst 1995 traf man wieder aufeinander - wenn auch alle seitdem gespielten Partien verloren wurden.

Allein Coach Kanerva will von solchen Statistiken nichts wissen. "Als wir dieses Turnier gestartet haben, hatten wir einen Traum. Der Sieg gegen Dänemark war der erste Meilenstein. Und wir haben die nächsten Meilensteine schon im Kopf", sagte er am Dienstag in St. Petersburg und betonte das besondere Selbstvertrauen, das seine Mannschaft aus dem Auftaktsieg gezogen habe. Und nicht nur sie: Auch in der sonst Eishockey- und Langlauf-begeisterten Heimat erfährt der Fußball aktuell einen ungeheuren Aufschwung, und das seit Jahren, als man damit begonnen hat, stärker in die Ausbildung des Nachwuchses zu investieren - mit dem ambitionierten Ziel, jedem finnischen Buben und Mädchen einen kompetenten Trainer vermitteln zu können. Zuletzt ist der Anteil der registrierten Spieler in Finnland um 4 Prozent gestiegen, 12 Prozent der Registrierten sind hier übrigens Mädchen.

Erfolgreiche Slowaken

Dass die Nachwuchsförderung ein Schlüssel zum Erfolg sein kann, hat sich offenbar auch beim zweiten Überraschungsteam, der Slowakei, durchgesprochen. Was sich nach Aufstiegen bei der WM 2010 und der EM 2016 gezeigt hat, bestätigte sich nun auch bei der laufenden EM durch ein 2:1 am Montag gegen Polen. Wie die Finnen scheinen auch die Slowaken vieles richtig zu machen, etwa indem der slowakische Verband seit Jahren in Jugendarbeit, Infrastruktur und Bewerbe investiert.

Wobei, leicht wird das Ziel, die Gruppenphase zu überstehen, für die Slowaken nicht, warten doch mit Schweden und Spanien zwei starke Kaliber. Andererseits sollte man bei dem, was die beiden Favoriten beim jüngsten 0:0 in Sevilla vorgezeigt haben, nichts ausschließen. Gut möglich, dass Fußball-Europa nach der EM-Ende Namen wie Stefan Tarkovic, Repre oder Slovensky futbalovy zvaz geläufiger sein werden als sonst.