Auf einmal sind alle Sorgen wie weggeblasen: Vergessen die Schmach von 2017, als man es verabsäumt hatte, sich für die WM zu qualifizieren, vergessen die Abgesänge auf die einst so stolze Squadra Azzurra, kein Gedanke mehr an die "Apokalypse", von der manche Gazzetten damals schrieben. Und selbstredend auch keiner an die Probleme, die den italienischen Fußball schon länger davor begleitet haben. "Der Calcio bleibt Patient", hatte die "Wiener Zeitung" schon während der EM 2016 geurteilt. Damals hatten die Azzurri zwar gerade das Viertelfinale mit einem 2:0-Sieg über den damals amtierenden Europameister Spanien erreicht, doch angesichts mangelnder Nachwuchsarbeit und Patriarchentum in den Führungsgremien hatten manche nicht zu Unrecht befürchtet, dass Schwierigkeiten eher unter den Teppich gekehrt denn aufgearbeitet werden würden. "Wir Italiener brauchen leider immer einen großen ‚Crash‘, damit sich etwas verändert", hatte der renommierte Sportjournalist Marco Bonetto damals gemeint.

Der Crash, er kam mit Ansage in Form des Verpassens der WM. Doch er hat auch etwas bewirkt. Heute spielt Italien einen Fußball, der ganz und gar nicht dem Klischee entspricht, verfügt über eine gute Mischung zwischen routinierten Spielern à a Leonardo Bonucci und Jungen wie Manuel Locatelli, der mit seinen zwei Toren am Mittwochabend beim 3:0-Sieg über die Schweiz maßgeblichen Anteil daran hatte, dass die Mannschaft noch vor dem letzten Gruppenspiel am Sonntag gegen Wales souverän den Achtelfinaleinzug bei der EM geschafft hat. Neben dem Gruppensieg können die Italiener am Sonntag noch etwas erreichen: Gelingt ein 30. Spiel ohne Niederlage hintereinander, würde man den Rekord aus den Dreißigerjahren einstellen. Auf ein Unentschieden zu spielen - schon damit stünde Gruppenplatz eins fest - liege nicht in der Mentalität seiner Gruppe, betont Teamchef Mancini. "Wir spielen, um zu gewinnen."

Manuel Locatelli traf gegen die Schweiz zweimal. - © afp / Ettore Ferrari
Manuel Locatelli traf gegen die Schweiz zweimal. - © afp / Ettore Ferrari

Zumindest in den ersten beiden Partien hat Italien dies unter Beweis gestellt. Obwohl der Sieg sowohl gegen die Türkei, die man zum Auftakt ebenso mit 3:0 abserviert hatte, als auch gegen die Schweiz schon feststand, ließen die Blauen nicht locker und imponierten so auch der Weltpresse, den Fans und - was vielleicht noch wichtiger ist, den möglichen Gegnern, die Italien nun schon in der Riege der Top-Titelkandidaten sehen.

Tief stapeln, hoch gewinnen

Noch stapelt Mancini tief. "Bei dieser EM gibt es Mannschaften wie Frankreich, Portugal, Belgien - Weltmeister, Europameister und Weltranglistenerster. Sie haben sich über die Jahre entwickelt und sind uns einiges voraus", sagt der ehemalige Meistertrainer von Manchester City und Inter Mailand, der zwar punktuelle Änderungen vorgenommen, auf einen kompletten Umbau aber verzichtet hat. Der Lauf, den die Italiener unter seiner 2018 begonnenen Ägide hingelegt haben, kann sich ebenso sehen lassen. Die Qualifikationsgruppe gewann die Mannschaft souverän mit zehn Siegen aus zehn Partien und mit einem Torverhältnis von 37:4. Während die Defensivstärke der Italiener Teil der Fußballfolklore ist, beeindruckt die Treffsicherheit. Nur Belgien hat den Ball öfter im Netz untergebracht.

Das erstaunt umso mehr, als die Italiener keinen absolut herausragenden Stürmer haben. Doch das Kollektiv hat sich - möglicherweise auch durch die schweren Zeiten, die man durchmachen musste - zusammengefunden. "Wir haben keinen Spieler, der international heraussticht und ein Spiel in Sekunden drehen kann. Aber gegen große Mannschaften hat das Team immer den Unterschied gemacht", sagt Bonucci. Und ganz so unbescheiden ist Mancini angesichts dieser Tatsache dann doch nicht. "Der Titel", sagte er vor der EM, "wäre eine Wiedergeburt für den Fußball und das ganze Land." Noch ist es freilich zu früh für eine solide Prognose. Doch möglicherweise hat der Coach der Azzurri nicht das Blaue vom Himmel versprochen.