Wer an England, Schottland und Fußball-EM denkt, der denkt zu allererst an Paul Gascoigne. Und seinen fabelhaften Auftritt bei der "Football’s-Coming-Home"-Euro-1996, als am zweiten Spieltag der Gruppe A das "Spiel der Spiele" - zumindest aus Sicht britischer Fußballfans - anstand. An jenem 15. Juni vor 25 Jahren wurden 76.864 Zuschauer im ausverkauften alten Wembley-Stadion Zeuge einer Gala-Einlage des Enfant terrible der Three Lions. Nach einem Abschlag von David Seaman landete das Leder bei Gascoigne - der nahm den Ball nicht an, sondern überhob am Sechzehner mit links Gegenspieler Colin Hendry, um dann den Ball mit rechts volley in die Ecke zu knallen. 2:0 - Wembley stand Kopf, Gazza lag flach, und der "Battle of Britain" war entschieden.

 

Für den erhofften Heim-Titel hat es für die Engländer (30 Jahre nach dem WM-Triumph auf der Insel) allerdings nicht gereicht, weil im Semifinale die Deutschen in einem hochklassigen Penaltyschießen tatsächlich zu stark waren. Immerhin war ihnen aber die Vorherrschaft im britischen Fußball gewiss.

Das war nicht immer so - denn auch, wenn das schottische Nationalteam erstmals seit 1996 wieder an einer EM teilnimmt, vor fünf Jahren waren die Waliser um Gareth Bale mit dem Semifinaleinzug die Nummer eins (trotz 1:2 in der Vorrunde gegen England), während sich die Three Lions im Achtelfinale gegen die Isländer blamierten. Bale und Co. haben nach dem 2:0-Erfolg über die Türken die K.o.-Phase de facto schon wieder fixiert, die Engländer indes benötigen noch Punkte, weshalb der WM-Vierte gegen seinen Erzrivalen im großen Freitagschlager (21 Uhr) gewiss nichts zu verschenken hat.

Wer nun behauptete, die Gruppe-D-Begegnung wäre nur ein gewöhnliches Spiel, der hat von Fußball absolut nichts verstanden. Denn mehr Rivalität im Spiel um den Ball auf zwei Toren ist eigentlich nicht denkbar - und das hat natürlich mit der Historie zu tun. Denn England vs. Scotland ist das älteste Nationenduell, das der Sport überhaupt kennt. 1872 wurde der Kampf erstmals ausgetragen, auf staubigem Terrain endete das Match vor 3.000 verbrieften Zuschauern mit 0:0. Am Freitag laufen beide Teams nun in Wembley zum 115. Duell ein - England hält bei 48 Siegen, die Schotten bei 41. Anders als in früheren Zeiten sind die Rollen klar verteilt - der krasse Außenseiter Schottland kämpft nach der 0:2-Niederlage gegen Tschechien bereits gegen das EM-Ausscheiden. Ein Sieg gegen "Auld Enemy" wäre in diesen Post-Brexit-Tagen zudem hochbrisant - und der erste seit 1999. Die bisher einzige Begegnung bei einem Endrundenturnier entschieden eben die Three Lions anno 1996 für sich.

Die Engländer sind jedenfalls gewarnt, denn die Bravehearts mögen zwar technisch und von der personellen Klasse her unterlegen sein, für die Unsterblichkeit, die ein Sieg in einem solchen Derby mit sich brächte, wird sich aber jeder Schotte zerreißen. "Sie haben Superstars im ganzen Kader, also sind wir Außenseiter. Aber wir haben ein paar kleine Superstars, die ihnen Probleme machen können. Wir können mithalten", meinte Mittelfeldspieler John McGinn. Nach der Pleite gegen die Tschechen dürfe man sich nun nicht zu sehr grämen, man müsse es eben "auf dem harten Weg" schaffen, so McGinn.

Der jungen Truppe von Gareth Southgate steht damit eine Art Charaktertest bevor - das weiß auch Stürmer Marcus Rashford: "Die Atmosphäre beim letzten Mal war einzigartig, es wird ein schwieriges Spiel für uns." Die Schotten seien ein effektives Team, man müsse gegen sie aus der Komfortzone herauskommen, ergänzte der Manchester-United-Akteur. Als Spieler würde man für solche einzigartigen Partien bei Endrunden brennen: "Du willst in den größten Partien spielen, und an diese werden wir uns für den Rest unserer Karrieren erinnern." Gerne freilich nur, wenn man nicht als Verlierer aus dem "Battle of Britain" hervorgeht.