Es sei "die einzig logische Schlussfolgerung, ihn zu bitten, dieses Amt zu übernehmen", sagte einst Jürgen Klinsmann. Es war der 12. Juli 2006, wenige Tage nachdem Deutschland bei der Heim-WM den dritten Platz erreicht hatte, und der Mann, von dem die Rede war, Joachim Löw. Als Assistenztrainer, "vielmehr als fester Partner", wie Klinsmann sagte, war er maßgeblich am Erfolg der Deutschen beteiligt gewesen.

Der Erfolg, er ließ sich nicht nur am Ergebnis bemessen, vielmehr an der Art und Weise, wie die DFB-Elf auftrat: mutig, engagiert, offensiv und kombinationsstark. Die Deutschen hatten, sozusagen, ihren eigenen Ruf überdribbelt.

Löw unterschrieb vorerst für zwei Jahre. Eineinhalb Jahrzehnte ist das nun her, und Löw noch immer Bundestrainer. Wie lange noch, entscheidet sich in den nächsten Tagen. Denn nach dem 0:1 im Auftaktmatch gegen Weltmeister Frankreich steht die Mannschaft im zweiten Gruppenspiel am Samstag gegen Titelverteidiger Portugal (18 Uhr) schon ordentlich unter Druck. "Es ist noch nichts passiert", sagt Löw. "Wir haben noch zwei Spiele, und wir werden das geradebiegen."

Frische und Pragmatismus

Objektiv gesehen stehen die Chancen nicht schlecht. Die Portugiesen präsentierten sich beim in der Schlussphase gegen Ungarn trotz des auch dank zweier Cristiano-Ronaldo-Toren hohen 3:0-Sieges wenig europameisterlich, Ungarn ist sowieso Außenseiter.

Doch mit der Lockerheit und Unbekümmertheit, mit der die DFB-Elf 2006 Freund begeisterte und selbst Feind ein bisschen beeindruckte, ist es längst vorbei. Bei der WM 2014 waren diese Attribute mit dem alten Pragmatismus noch eine erfolgreiche Symbiose eingegangen, als Pate stehen die letzten beiden Turnierspiele: Wenn der Gegner es zuließ, wie Brasilien beim 1:7 im Halbfinale, zerlegte man ihn nach allen Regeln der Fußballkunst; wenn es um die Geduld und an die Nerven ging, agierte man abgebrüht genug, um dennoch zu gewinnen - wie im Endspiel in der Verlängerung gegen Argentinien.

Löw, einst noch bei der Austria unsanft vor die Tür gesetzt, war am Höhepunkt angelangt. Gleichzeitig unterlief ihm schon damals ein fundamentaler Fehler, wie dieser Tage die "Zeit" konstatierte: "Er dachte, er stehe mit der Mannschaft am Beginn von etwas noch Größerem. Er sprach von einer Ära, die man begründen möge. (. . .) Löw übersah, dass im Maracana nicht ein Weg begann, sondern einer endete."

Löw auf dem Höhepunkt seiner Karriere nach dem Triumph im WM-Finale 2014. - © afp / G. Bouys
Löw auf dem Höhepunkt seiner Karriere nach dem Triumph im WM-Finale 2014. - © afp / G. Bouys

2016 ging es noch gut, das EM-Halbfinale wurde erreicht. Doch zunehmend schlich sich der Schlendrian ein, die geplante Verjüngung funktionierte nicht wie erhofft, vielleicht kamen damals schon etwas Amtsmüdigkeit und Übersättigung hinzu - das alles kumulierte im Tiefpunkt des Ausscheidens mit der WM 2018 nach der Gruppenphase.

Löw geriet in die Kritik, der gesamte DFB machte in Sachen Krisenbewältigung (Stichwort: Causa Özil) keine gute Figur, Vorzeigetrainer- und -Verband waren nicht mehr unbestritten, das wechselseitige Verhältnis ob des Nachlassens des Erfolges auf der einen und Indiskretionen auf der anderen Seite angeknackst.

Das Schicksal beeinflussen

Doch einmal wollte es Löw noch wissen, bei dieser EM sollte die Schmach von Russland getilgt werden, auf dass sein Erbe keinen Schaden nehme. Dafür reaktivierte er kurz vor dem Turnier auch alte Kräfte wie Thomas Müller und Mats Hummels. Dass Hummels den einzigen Treffer im Frankreich-Spiel schoss - halt eben ins falsche Tor - kann man angesichts der Spielsituation weder ihm noch Löw zum Vorwurf machen. Ein bisserl wie Ironie des Schicksals wirkte es aber dann doch.

Noch sind zwei Spiele Zeit, dieses Schicksal positiv zu beeinflussen. Und theoretisch hat Löw noch immer die Chance, dass jener Tag, an dem er zum ersten Mal als Nicht-mehr-Bundestrainer aufwacht, exakt jener Tag ist, an dem er vor 15 Jahren als solcher vorgestellt worden war. Am 11. Juli steigt das EM-Finale.