Es war eine äußerst missliche Lage für Ungarn: Der große Außenseiter in der härtesten Gruppe der Euro stand nach der 0:3-Auftaktniederlage gegen Portugal bereits mächtig unter Zugzwang. Und der Gegner war diesmal niemand geringer als die Weltmeister aus Frankreich, der gerade eine Generation mit atemberaubender Qualität besitzt  – genannt seien nur die Herren Kylian Mbappe, Paul Pogba oder Antoine Griezmann, und diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Aber: Euro, Heimvorteil (man spielte in Budapest, und das Haus war voll, mit dem Abstand nimmt man es in Budapest schon eher locker), die Hoffnung auf die Sensation. So oft kann die im Fußball gar nicht enttäuscht werden, als dass sie nicht doch jedes Mal aufflammt, wenn der David den Goliath fordert.

Und tatsächlich ist den Ungarn zwar keine Sensation, aber eine große Überraschung gelungen. Sie erreichten gegen den großen Favoriten ein 1:1-Unentschieden – und können nun vor dem letzten Gruppenmatch gegen Deutschland noch vom Aufstieg ins Achtelfinale träumen.

Gelungen ist das den Ungarn aus mehreren Gründen, und ein entscheidender war, dass sie bei 32 Grad im Schatten hochmotiviert zu Werke gingen und nicht das scheuten, was einem fußballerisch unterlegenen Team immer bleibt: den Zweikampf. Sie standen dicht gestaffelt in der Abwehr, waren diszipliniert und setzten auf schnelle Gegenstöße. Das brachte zunächst nicht viel mehr als ein paar Standards ein, doch in der Nachspielzeit der ersten Hälfte - nachdem Frankreich seinen Gegner immer mehr eingeschnürt hatte - gelang den Ungarn genau aus so einem Gegenstoß der Führungstreffer:  Attila Fiola (45.+2) enteilte nach Doppelpass Benjamin Pavard und knallte den Ball flach ins kurze Eck und ins ungarische Glück.

Franzosen gingen großzügig mit Chancen um

Ein weiter Grund für den Erfolg der Magyaren war aber auch, dass die Franzosen sehr großzügig mit ihren Chancen umgingen und nach klugen Kombinationen und starken Einzelaktionen diese dann doch immer wieder liegenließen. Mbappe und Karim Benzema vergaben in der ersten Hälfte in aussichtsreichen Positionen, Ousmane Dembele hatte in der zweiten Hälfte bei einem Stangenschuss Pech. In selbiger rettete zudem der ungarische Torhüter Peter Gulacsi gegen Mbappe glänzend. In der 66. Minute aber legte Ungarns Abwehrchef Willi Orban den Ball derart unglücklich und derart ideal Griezmann auf, dass es schon eine Kunst wäre, auch noch diese Chance zu vergeben. Der französische Stürmer schoss den Ball auch trocken ins Eck.   

Aber die Leichtigkeit war bei den Franzosen verloren gegangen, ein weiterer Treffer sollte trotz aller Angriffsbemühungen nicht gelingen, während bei den Ungarn die Aussicht auf den Punkt vor dem eigenen, lautstarken Publikum noch einmal alle Kräfte freisetzte. Freilich war das Unentschieden für die Ungarn glücklich, aber bei so einer Ausgangsposition und nach einem derart aufopferungsvollen Auftritt ist so ein Punkt immer auch - verdient.