Es gibt manchmal Amateurspiele, bei denen sich ein Trainer umsonst die Stimmbänder wund schreit: "Passt`s auf die Seite auf!", ist dann etwa zu hören. Doch die Spieler hören auf den Trainer nicht – und, patsch, patsch, patsch, bekommen sie immer wieder mit demselben Spielzug das gleiche Tor, und der Coach verzweifelt.

Verzweifelt sah im Gruppenspiel gegen Deutschland auch Portugals Trainer Fernando Santos aus  - was er seinen Spielern zugeschrien hat, ist nicht dokumentiert. Ihnen passierte allerdings, was einer Profimannschaft auf keinen Fall passieren sollte und sehr amateurhaft war: Sie ließen sich immer wieder vom selben Spielzug der Deutschen aushebeln.

Und der ging so: Ein deutscher Spieler (bevorzugt Thomas Müller) führt in der Mitte den Ball, ein anderer Spieler positioniert sich an der Seitenlinie (bevorzugt Robin Gosens), gewinnt so Abstand zu der in die Mitte gezogenen portugiesischen Abwehr. Daraufhin folgt das Zuspiel in den freien Raum auf den Flügelspieler, der wiederum scharf in die Mitte passt oder selbst abschließt. Auf diese Weise, mit diesem immerselben Schmäh machten die Deutschen die portugiesische Abwehr ein um das andere Mal auf und erzielten so ihr erstes, drittes und viertes Tor bei ihrem 4:2-Sieg gegen Portugal.

Beim 1:1 erzwang Gosens mit seiner scharfen Hereingabe ein Eigentor von Ruben Dias, beim 3:1 bediente der linke Außenspieler Kai Havertz, und beim 4:1 stand er so frei und war der Winkel so günstig, dass er selbst nach einem Lauf in den freien Raum einköpfelte. Auch das 2:1 für Deutschland war ähnlich, da schoss von der rechten Seite Joshua Kimmich den Portugiesen Raphael Guerreiro zum Eigentor ab.

Alles offen in Gruppe F

Es war aber nicht so, dass nicht auch die deutsche Defensive verwirrt gewesen wäre: So schufen die Portugiesen mittels schnellem Spielzug in der 15. Minute ein deutsches Durcheinander, das Cristiano Ronaldo zur 1:0-Führung ausnützte. Allerdings wirkten die Deutschen diesmal von Anfang an (ihre vermeintliche spektakuläre 1:0-Führung durch Gosens wurde wegen einer Abseitsposition von Serge Gnabry aberkannt) selbstbewusster, robuster und griffiger als bei der 1:0-Niederlage gegen Frankreich und nutzten diesmal ihre Räume viel besser, die ihnen aber die Portugiesen auch großzügiger gewährten.

Diese kamen zwar noch durch Diogo Jota auf 2:4 heran und bei einem Stangenschuss von Renato Sanches wackelte noch einmal kräftig das deutsche Gehäuse.

Mehr war aber nicht, und so wackelt nun der Aufstieg des Europameisters, der im letzten Gruppenspiel gegen Weltmeister Frankreich antreten muss. Das deutsche Team und sein sich auf Abschiedstournee befindlicher Trainer Joachim Löw, den die Medien seines Heimatlandes nach der Frankreich-Niederlage kräftig in der Mangel hatten, haben sich wieder zurückgemeldet und im letzten Gruppenspiel mit Ungarn den leichteren Gegner. Noch ist aber in dieser Gruppe F alles offen, kann jedes Team aufsteigen - oder auch ausscheiden.