Es läuft nicht wirklich rund bei den Three Lions - aber bei einem läuft es ganz besonders unrund: Bei der "halben" Heim-EM gibt ausgerechnet der personifizierte Torgarant - nämlich Kapitän Harry Kane - ganz Fußball-England Rätsel auf. Er liefert keine Vorlagen, fällt kaum (und wenn dann: negativ) auf, wird sogar ausgewechselt, und das Schlimmste ist: Er schießt bei dieser Euro einfach keine Tore. Vor dem abschließenden Gruppenspiel der Engländer am Dienstag (21 Uhr) gegen Tschechien sucht die ganze Insel nach Gründen für diese plötzliche Formkrise des Tottenham-Stars.

Dabei sind frühere Torjäger bei der Ursachenforschung besonders gefragt. So findet etwa Alan Shearer, nachdem Kane zuletzt kaum einen Ball sah, Kane solle manche seiner Mitspieler "anschreien", ihm doch endlich die Bälle aufzulegen. Peter Crouch hingegen meint, dass das Turnier für Kane gegen die Tschechen erst so richtig beginnt. Klingt einfach, ist es vielleicht aber nicht. Kane selbst bleibt gelassen. "Es ist Zeit, ruhig zu bleiben", sagte der 27-Jährige.

Vielleicht steigert sich Kane auch mit der Aufgabe, zumal der Gegner mit einem Shooting-Star dieser EM anrückt: Patrick Schick hat alle drei Treffer des Vize-Europameisters von 1996 erzielt (darunter ein Wundertor von der Mittellinie) und führt gemeinsam mit Cristiano Ronaldo die Torschützenliste an.

Die Ausgangslage ist zudem für die Tschechen besser als für die Engländer: Mit einem Remis sind beide Teams zwar sicher weiter, England dann aber nicht Gruppensieger. Und müsste das Achtelfinale statt wieder in Wembley in Kopenhagen austragen. Auf der anderen Seite würde schon in der Runde der besten 16 in Wembley der Zweite der Gruppe F warten - also Frankreich, Deutschland oder Portugal.

Englische Ex-Internationale fordern von Teamchef Gareth Southgate jedenfalls eine Blutauffrischung in der Offensive - und meinen damit vorrangig Jadon Sancho. Das Dortmund-Juwel schaffte es aber im ersten Spiel nicht in den Matchkader, im zweiten saß er 90 Minuten auf der Bank. "Was hat er getan? Irgendwas muss hinter den Kulissen vorgefallen sein", vermutete Rio Ferdinand nach dem ernüchternden 0:0 gegen Schottland. Und der frühere Nationalspieler Ian Wright tadelte: "Du hast jemanden wie Sancho auf der Bank, 16 Tore und 20 Assists in der letzten Saison - und er wird noch nicht einmal eingewechselt."

Es kann nur einen geben

Richtig heiß hergehen dürfte es auch im Parallelspiel in Glasgow, wenn Gastgeber Schottland gegen Kroatien in ein echtes Aufstiegs-Finale geht. Für die Bravehearts, die noch nie bei einem Endrundenturnier die Gruppenphase überstanden haben, wie für den Vizeweltmeister gilt: Nur ein Sieg ermöglicht den Einzug ins Achtelfinale. Da beide Mannschaften nach zwei Spielen bei einem Punkt halten, wäre ein Remis zu wenig zum Weiterkommen. "Das ist ein einfaches Spiel. Es ist ein Alles-oder-Nichts-Spiel", sagte der schottische Mittelfeldmann Stuart Armstrong.

Nach den bisherigen Darbietungen darf die Tartan Army im Hampden Park tatsächlich von der Sensation träumen, die nach dem unglücklichen 0:2 zum Auftakt gegen die Tschechen schon unrealistisch schien. Doch bei der Nullnummer gegen die Three Lions legten die Schotten eine (kämpferische) Klasseleistung hin, die auch zum Sieg hätte führen können. "Dass sie gegen England unentschieden gespielt haben, sagt genug über sie aus", meinte der kroatische Stürmer Bruno Petkovic. Für die Schotten gab es jedoch eine Hiobsbotschaft: Der zuletzt stark aufspielende Chelsea-Youngster Billy Gilmour muss nach einem positiven Corona-Test passen.(may)