Als am Montagabend die dänischen Fans im Kopenhagener Parken-Stadion und vor sämtlichen verfügbaren Bildschirmen und Leinwänden des Königreichs in Jubel ausbrachen, hielt es wohl auch Josef Piontek nicht mehr auf dem Sitz. Und vielleicht stiegen in ihm nostalgische Gedanken an die EM 1984 in Frankreich auf, als es der dänischen Nationalmannschaft mit ihm als Coach unter nicht unähnlichen Umständen gelang, das Unerwartete zu leisten - den Doch-noch-Aufstieg als Gruppenzweiter in die K.o.-Phase. Damals, an jenem 19. Juni 1984, hieß der letzte Gruppengegner Belgien, und der lag kurz vor Abpfiff der ersten Spielhälfte mit 2:0 in Führung.

Doch dann geschah das Unglaubliche: Erst stellte Frank Arnesen nach Elfmeter auf 1:2, dann schossen Preben Elkjaer Larson und Brylle Larson die "Danish Dynamites" zum Sieg. Belgien war draußen, und Dänemark trat am 24. Juni im Halbfinale Spanien gegenüber. Auch dieses Spiel ging in die Geschichte ein, die Skandinavier verpassten nur knapp - im Elfmeterschießen - die Sensation, den Einzug ins EM-Finale (das Frankreich gewann). Dennoch, der Bann war mit dieser Europameisterschaft gebrochen, und Dänemark gelang es, sich in der Weltelite zu etablieren. 14 Mal qualifizierte man sich seither für EM- und WM-Teilnahmen und holte sich 1992 sogar den EM-Titel -und das, obwohl die Mannschaft eigentlich gar nicht fürs Teilnehmerfeld vorgesehen war. Nur der Ausfall Jugoslawiens, das im Begriff war, im Bürgerkrieg zu versinken, ließ sie ins Turnier noch nachrutschen. Gilt also für Dänemark das Glück des Tüchtigen?

Es scheint jedenfalls so, wie der Montagabend wieder einmal gezeigt hat. Immerhin ist es in der EM-Historie noch nie einer Mannschaft gelungen, nach zwei Niederlagen zum Auftakt in eine K.o.-Runde einzuziehen. Nur wenige haben nach dem Herzanfall von Christian Eriksen, der als böses Omen gewertet wurde, sowie dem 0:1 gegen Finnland und dem 1:2 gegen Belgien an ein Wunder geglaubt. Umso größer war daher auch der Jubel der Mannschaft nach dem 4:1 gegen Russland in Kopenhagen, das die Spieler und Betreuer mit gleich vier Ehrenrunden ausgelassen feierten.

Zu surreal schien die Leistung, die nach drei Spielen ebenfalls bei drei Zähler haltenden Finnen und Russen noch auf die Ränge drei und vier verdrängt zu haben. "Ich hätte mir nie erträumen können, ein Teil von etwas so Großem zu sein", japste etwa der 20-jährige Mikkel Damsgaard, der in der 38. Minute zum wichtigen 1:0 getroffen hatte und damit in Vorlage für Yussuf Poulsen (59.), Andreas Christensen (80.) und Joakim Maehle (82.) gegangen war. "Das jüngste Spiel gegen Belgien war das Größte, was ich je erlebt hatte. Aber das hier schlägt diese Erfahrung noch einmal", meinte der Ersatzmann von Eriksen.

Nun wartet Wales in Amsterdam

25.000 Zuschauer feierten diese "magische Nacht" im Parken auf ohrenbetäubende Weise. Die besondere Wirkung des "zwölften Mannes" musste selbst Russlands Torhüter Matwei Safonow zur Kenntnis nehmen: "Das ist das erste Mal, dass ich so eine Unterstützung erlebt habe", meinte er. "Einer ihrer Spieler hat nur einen Pass gemacht, und das ganze Stadion war auf den Beinen."

Dementsprechend laut wird es daher wohl beim kommenden Achtelfinalspiel zwischen Dänemark und Wales in der Johan-Cruiff-Arena in Amsterdam werden (18 Uhr). Wobei die Skandinavier statistisch gesehen hier leicht im Vorteil sind (6 zu 4 Siege). Aber das will nichts heißen. Am besten haben die Dänen immer noch unter Druck gespielt. Frag nach bei Josef Piontek.