Die italienischen Tifosi werden die Rückkehr ihrer Squadra Azzurra auf die Insel im Rahmen der Fußball-EM wohl mit gemischten Gefühlen sehen. Wenn am Samstagabend (21 Uhr) das Achtelfinalduell gegen Österreich im Londoner Wembley-Stadion steigt, werden wohl oder übel die schlechten Erinnerungen an die EM 1996 im Mutterland des Fußballs wachgerüttelt. Denn an jenen Juni-Tagen vor 25 Jahren war das erstmalige Experiment einer bedingungslos offensiv ausgerichteten italienischen Nationalmannschaft krachend gescheitert. Für eine groß aufspielende Squadra hieß es nämlich statt des ersehnten EM-Titels schon nach der Vorrunde heimfahren. Dies ist insofern von Bedeutung, als die aktuelle Truppe von Roberto Mancini ebenso wieder vom Offensivgeist angehaucht ist. Doch wie die Geschichte zeigt, trifft die alte Fußballweisheit ganz besonders auf Italien zu: Die Offensive gewinnt Spiele, die Defensive gewinnt Meisterschaften. Oder eben: Titel.

Kulturevolution unter Sacchi

1996 galt die Elf von Arrigo Sacchi, der schon den AC Milan mit seinem holländischen Dreigespann Ruud Gullit, Marco van Basten und Frank Rijkaard zur Nummer eins der Welt gemacht hatte, als heißer Titelanwärter - erst recht nach dem ersten Auftritt in Gruppe C gegen die Russen. Der junge Alessandro Del Piero, der umsichtige Roberto Donadoni, der zweifache Torschütze Pierluigi Casiraghi und natürlich der rotzfreche Gianfranco Zola wirbelten durch die gegnerischen Abwehrreihen, dass die Fans in Anfield nur so staunten. Mit dem 1:2 waren die Russen noch gut bedient. Dennoch riss die Kritik an Sacchis Taktik und Spielausrichtung nicht ab - und tatsächlich sollten seine Gegner recht behalten. Denn im zweiten Gruppenspiel folgte gegen den späteren Finalisten Tschechien die Ernüchterung. Statt dem vorzeitig fixierten Viertelfinale gab es in einem hochkarätigen Schlagabtausch eine 1:2-Pleite - auch, weil die riskante Abseitsfalle schon nach fünf Minuten von Pavel Nedved überlistet worden war. Und kurz danach Luigi Apolloni mit Geld-Rot vom Platz musste. Letztlich wirbelte das "Duo infernal" Casiraghi/Zola vorne vergeblich - nun musste im finalen Gruppenspiel gegen die Deutschen ein Sieg her. Doch der sollte nicht passieren: Denn beim 0:0 triumphierte der biedere deutsche Rumpelfußball über die italienische Kreativität - oder Torhüter Andreas Köpke über Gianfranco Zola, der in Old Trafford einen Elfer vergab. "Wir haben es nicht verdient, auszuscheiden", sollte Sacchi, über den rasch der Volkszorn hereinbrach und dessen Tage als Teamchef bald gezählt waren, später sagen. Immerhin zollten manche Medien dem Spielstil doch Anerkennung: "Italien k.o., Sacchi angeklagt, eine Ära endet. Azzurri, das Spiel mit ganzem Herzen reicht nicht aus", titelte "Il Messaggero".

Fußball mit Herz im azurblauen Trikot - man muss gar nicht so lange zurückblicken, um eine auch offensiv angehauchte Squadra noch einmal zu finden. Vor fünf Jahren, bei der EM in Frankreich, fielen die Italiener ebenfalls mit erfrischendem Gekicke nach vorne auf. Zwar bildeten damals wie heute Leonardo Bonucci und Giorgio Chiellini das kompromisslose Abwehrbollwerk, doch Trainer Antonio Conte gewährte seinen Akteuren vorne viel Freiraum - nach Siegen über Belgien und Schweden stand der Gruppensieg fest. Nachdem auch noch Spanien im Achtelfinale hochverdient ausgeschaltet werden konnte (2:0), durfte man schon vom Titel träumen - wären da nicht wieder die Deutschen gewesen. Erstmals bei einer Endrunde setze es im Viertelfinale eine Niederlage im Klassiker, wenn auch "nur" im Penaltyschießen.

Bei den WM-Triumphen 1982 und 2006 waren die Deutschen noch kein Stolperstein für den viermaligen Weltmeister und Europameister von 1968 gewesen: In Spanien mag zwar Paolo Rossi Schützenkönig geworden sein, ohne die Eisenfüße Claudio Gentile, Antonio Cabrini und Giuseppe Bergomi wäre der Titel nach dem Vorrunden-Catenaccio nie geschafft worden. Und wer war der große Held der Deutschland-WM? Richtig, Abwehrchef Fabio Cannavaro, später sogar als Weltfußballer ausgezeichnet.

Vielleicht ist es auch für Österreich keine Quadratur des Kreises, den Code der Offensiv-Squadra zu knacken. Oder wie Franco Foda meinte: "Ich habe schon einen Plan, wie wir gegen sie spielen können."