Manuel Neuer und die Regenbogenschleife. Um diese Beziehung zu verstehen, lohnt es sich, sich ein wenig mit der persönlichen Lebensgeschichte des deutschen Star-Torhüters, der sich bei den jüngsten EM-Spielen das bunte Fähnchen der LGTBIQ-Bewegung über den Arm gezogen und damit den Anstoß für einen gehörigen Wirbel mit diplomatischen Folgen gegeben hat, zu beschäftigen. Was als individueller Protest des gläubigen, aber von vielerlei privaten Rückschlägen geplagten Katholiken gedacht war, steigerte sich in den vergangenen Tagen zum europapolitischen Stellvertreterkrieg, der weniger durch die in solchen Fragen obligatorischen Ermittlungen der Organisatoren, in diesem Fall der Uefa, sondern durch den Münchner SPD-Oberbürgermeister Dieter Reiter und Vize-Stadtchefin Katrin Habenschaden (Die Grünen - Rosa Liste) als Sekundantin ausgelöst wurden.

Deutschlands Torhüter Manuel Neuer trägt bei EM-Spielen die Regenbogenfarben. - © apa / afp / Guellano
Deutschlands Torhüter Manuel Neuer trägt bei EM-Spielen die Regenbogenfarben. - © apa / afp / Guellano

Erst ihre Forderung, die Münchner EM-Arena beim Spiel gegen Ungarn am Mittwochabend (2:2) aus Protest gegen ein jüngst von Budapest beschlossenes Pädophiliegesetz in den Farben des Regenbogens leuchten zu lassen sowie die ablehnende, aber statutengemäß zulässige Uefa-Reaktion darauf, ließ Neuers Initiative eskalieren. Ob der Goalie das alles selbst so wollte, ist freilich fraglich, zumal er es bisher vorzog, sich nicht zu äußern.

Das ist angesichts des im Grunde unpolitischen Engagements, das der Absolvent des Fußball-Teilinternats Berger Feld bei Gelsenkirchen in seiner Karriere vor allem im kirchlichen und sozialen Bereich an den Tag gelegt hat, nicht ungewöhnlich. Neuer zählt zu der Sorte Mensch, die an Ort und Stelle etwas verändern will, wie seine "Manuel Neuer Kids Foundation", diverse Jugendprojekte mit der Ordensgemeinschaft der Amigonianer oder die Zusammenarbeit mit Charity-Auktionsplattformen wie "United Charity" annehmen lassen. Nur davon, dass er sich einmal an die Spitze einer lautstarken Christopher-Street-Day-Parade, wie sie wieder für Anfang Juli in München geplant ist, gestellt hätte, ist hingegen nichts bekannt.

Schlechte Erfahrungen

Dabei ist es nicht so, dass der Torhüter, gleichwohl er nicht homosexuell orientiert ist und mit zwei Frauen verheiratet war, nicht selbst Diskriminierungserfahrungen gemacht hätte. Als er 2011 bekannte, dass es gut sei, wenn sich homosexuell veranlagte Kicker outen, wurde er online wie auch auf dem Platz angefeindet. Besonders stark fiel die Reaktion in den spanischsprachigen Ländern aus, wo Zeitungen aufgrund eines Übersetzungsfehlers behauptet hatten, Neuer selbst habe sich als schwul geoutet und fühle "sich erleichtert". Wie weit diese Falschmeldung noch verbreitet ist, zeigte sich bei der WM 2018, als Neuer im Spiel gegen Mexiko mit homophoben Gesängen bedacht wurde.

Wie in der Vergangenheit hat sich Neuer aber auch in der aktuellen Debatte über Ungarns Minderheitenpolitik nicht einspannen lassen und es offenbar vorgezogen, im DFB und bei seinen Fans für das Thema zu sensibilisieren. Ob das Münchner Stadion während des Ungarn-Matches nun in Regenbogenfarben erstrahlen sollte - wie es in früheren Fällen schon der Fall war -, liegt nicht in seiner Kompetenz, auch nicht in jener des DFB, des FC Bayern oder gar der Stadtregierung. Rechtlich hat allein die Uefa als Mieterin der Arena das Recht, darüber zu entscheiden - und hat dies mit Rücksicht auf die Statuten getan.

Schweigende Mehrheit?

Dass Neuer seine bunte Binde behalten durfte, hatte freilich einen anderen Grund: Laut Reglement ist er als Kapitän eigentlich verpflichtet, eine Schleife mit der Aufschrift "Respect" zu tragen. Um sich einen möglichen Wirbel zu ersparen, machte die Uefa eine Ausnahme - und ließ den Goalie gewähren, was wiederum Reiter, Habenschaden und Co. erst recht offenbar dazu animierte, die Beleuchtung des ganzen Stadions zu fordern.

Dass der DFB und zahlreiche Bundesliga-Klubs und Spieler die Forderung begrüßten, soll nicht über die schweigende Masse (vor allem in Osteuropa) hinwegtäuschen. Ob sich diese Menschen von einer auf politischen Zuruf beleuchteten Arena überzeugen lassen? Oder doch eher von der authentischen Strahlkraft von Stars wie Manuel Neuer? Nun, man wird sehen.