Man will alte Kalauer ja nicht inflationär bedienen, aber sie passen halt immer wieder (wenn auch bisweilen in abgeänderter Form). Fußball ist nun eben mal immer noch ein Sport, in dem 22 Menschen einem Ball hinterherlaufen - und am Ende gewinnen immer die Deutschen. Nun ja, gewonnen haben sie diesmal zwar nicht, aber das erst in der Schlussphase durch Leon Goretzka erreichte 2:2 gegen Ungarn reichte immerhin zum Aufstieg ins Achtelfinale bei der EM, womit die DFB-Equipe nun ebenso aus der Hammergruppe F weiterkam wie Frankreich und Portugal. Der Welt- und der Europameister trennten sich ebenso 2:2, Superstar Cristiano Ronaldo schoss beide Tore via Elfmeter, womit er seinen EM-Rekord ausbaute und gleichzeitig die Weltbestmarke von 109 Länderspieltoren des Iraners Ali Daei einstellte. Bei Frankreich indessen erzielte Karim Benzema nach einer künstlerischen Schaffenspause beide Treffer und meldete sich damit auf der großen Bühne zurück.

Damit ist das Achtelfinale der EM komplett - und festzuhalten, dass die großen Fußballnationen trotz einigen Wurstelns - man denke an die Spanier, die in den ersten beiden Partien kaum etwas zeigten und es zum Gruppenabschluss mit einem 5:0 über die Slowakei doch noch geschafft haben - sich wieder einmal durchgesetzt haben. Vorerst zumindest. Denn alleine das Achtelfinale Deutschland gegen England, Sieger der Gruppe D, am Dienstag belegt, dass für den einen oder anderen Großen nun die Zeit des Abschiednehmens naht.

Die Deutschen wollen freilich beim letzten Turnier der nun schon 15 Jahre währenden Amtszeit von Bundestrainer Joachim Löw alles dafür unternehmen, dass sie es nicht sein werden. Nach der Vorstellung gegen Ungarn aber ist Skepsis angebracht. "Es war eines der schwierigsten Spiele überhaupt", gestand Löw sichtlich gezeichnet nach dem Schlusspfiff in der Münchner Allianz-Arena. Vergleiche zum kommenden Spiel gegen England können aber nicht gezogen werden, weswegen Teamchef und Spieler auch Positives aus der Situation ziehen wollen. "Wir werden anders auftreten", versprach Löw. "Jetzt geht es um alles oder nichts. Das ist auch eine gute Situation." "Wembley liegt uns", meinte Kapitän Manuel Neuer. Joshua Kimmich meinte vollmundig: "Ein schöneres Spiel gibt es fast nicht. Und ich sehe da gute Chancen für uns."

Auf der Insel sind die Meinungen darüber zweigeteilt. "Her mit den Deutschen!", titelte der "Telegraph", die "Daily Mail" schrieb indes: "Oh no! Nicht schon wieder die Deutschen!" Die Engländer wussten schon zuvor, dass im Achtelfinale auch im Fall des Gruppensiegs ein harter Gegner aus der Gruppe mit Deutschland, Frankreich und Portugal ins Wembley kommen wird. Was für England, wie auch Deutschland gilt: Im Viertelfinale wird mit dem Sieger aus Schweden gegen die Ukraine eine vom Namen her leichtere Hürde warten.

"Pralinenschachtel-Team"

Löw freute sich auf ein "absolutes Highlight". Klar ist allerdings, dass man sich Leistungsschwankungen, wie sie bisher Wegbegleiter des DFB-Teams waren, nicht leisten kann. "Die Pralinenschachtel-Mannschaft" nannte der Spiegel die Auswahl Löws - und selbst bei den Spielern kann man diese Kritik nicht kontern. "Es ist leider noch ein Auf und Ab", meinte Kimmich. Die Fehlerquote bleibt zu hoch, die Gegentore fallen zu einfach. Ohne Goretzkas Rettungstat hätten die ungarischen Tore von Adam Szalai (11.) und Andras Schäfer (68.) das frühe Aus bedeutet. Kai Havertz (66.) traf zum 1:1. Löw lobte später Mentalität, Moral und Kampfkraft.

Der Chefcoach setzte gegen den ungarischen Defensivriegel im Endspurt auf volle Offensive. Er brachte auch Thomas Müller trotz dessen Kapselverletzung im rechten Knie. Beim 31-Jährigen besteht damit die Hoffnung, dass er bis Dienstag ganz fit wird.

Es wird für Deutschland erstmals in diesem Turnier ein echtes Auswärtsspiel. Deutsche Fans dürften aufgrund der Reisebeschränkungen in London kaum dabei sein.(art/apa)