Aufsehenerregende Spiele und faustdicke Überraschungen hat die österreichische Nationalmannschaft in ihrer Historie ganz wenige abgeliefert - zumindest im positiven Sinne. Da wäre wohl das WM-Viertelfinale 1954 gegen die Schweiz zu erwähnen, das in der "Hitzeschlacht von Lausanne" mit 7:5 an Rot-Weiß-Rot ging - auch deshalb historisch, weil es nach wie vor das trefferreichste Spiel bei Fußball-Weltmeisterschaften ist (zudem holte sich die ÖFB-Auswahl anschließend Bronze). Cordoba 1978 ist indes eher irrelevant, weil es de facto um nichts mehr ging, außer den Deutschen - mangels Semifinal-Modus - die Teilnahme am kleinen Finale wegzuschnappen. Nicht unerwähnt bleiben darf als großer Sieg indes jenes Freundschaftsspiel in England am 20. Oktober 1965, als es Österreich als erst drittem Team des Kontinents gelang, die englische Nationalmannschaft zu bezwingen. Beim 3:2-Sieg scorte Toni Fritsch zwei Goal, woraufhin er auf Ewigkeiten den Namen Wembley-Toni erhielt.

Und damit wären wir schon in medias res. Denn gelingt der ÖFB-Elf am Samstag (21 Uhr) ebendort in Wembley gegen Italien der EM-Viertelfinaleinzug, wird zweierlei passieren: Ein Erfolg über die derzeit möglicherweise beste Nationalelf der Welt wäre ohne Übertreibung eine Weltsensation; und der oder die Helden dürfen sich künftig über einen neuen Vornamen freuen: Wembley.

Damit es Samstagnacht einen Wembley-Sabi oder Wembley-Marko geben kann, wird es aber mehr brauchen als den Glauben an eine Sensation, den die EM-Achtelfinal-Novizen nach dem souveränen 1:0 über die Ukrainer übergroß an den Tag legen. Denn der vierfache Welt- und einfache Europameister verfügt nicht nur über eine ausgezeichnete Defensive, die seit elf Spielen keinen Gegentreffer zugelassen hat, sondern auch über offensive Kreativgeister, die im 1:1 oder mit ihren Tiefenläufen noch jeden ihrer Vorrundengegner auseinandergenommen haben. Tief stehen und die Italiener machen lassen - wie es die Türken (0:3), Schweizer (0:3) und auch die Waliser (0:1) probiert haben, dürfte da kein Erfolgsrezept sein. Eher gilt es, die (Red-Bull-)Tugenden, die auf Vereinsebene international meist griffen, anzuwenden: Aggressivität, Pressing, Balleroberung, schnelles Umschalten. Mit dem Sturmlauf der Österreicher waren die Ukrainer überfordert, zumal beiden eh ein Remis gereicht hätte. Statistisch gesehen war die Elf von Franco Foda genau in diesem Bereich top - mit 152 Ball-Eroberungen in der Gruppenphase rangiert man an zweiter Stelle von 24Teams. Auch bei den erfolgreichen Tackles liegt die ÖFB-Truppe auf Rang zwei.

Bleibt die große Frage, ob der zuletzt oft sehr vorsichtig vorgehende Foda seine Elf von Beginn an von der Leine lässt, um die Italiener womöglich zu überraschen. Die Spieler scheinen eher darauf zu drängen, wenn, dann mit fliegenden Fahnen denn einer Abwehrschlacht unterzugehen. RB-Leipzig-Kapitän Marcel Sabitzer, mit 33,7 Kilometer drittbester Läufer des Turniers, fasste die Stimmungslage zusammen: "Wir werden sie unter Druck setzen, auch mal ganz vorne. Aber es kommt ein extrem harter Brocken auf uns zu. Die wollen auch ihr Spiel durchdrücken, gegen Italien kannst du nicht in jeder Minute agieren." Nachsatz: "Ein guter Mix wird entscheidend sein."

"Mutig und entschlossen"

Welche Mischung Foda anrührt, wollte er im Vorfeld naturgemäß nicht verraten. Bis auf Valentino Lazaro dürften zumindest alle Akteure fit sein. "Wir müssen von der ersten Sekunde an mutig und entschlossen auftreten, das wird entscheidend sein. Wir müssen alles in die Waagschale werfen, das in uns steckt." Letztlich sei man "krasser Außenseiter", aber "es ist alles möglich im Fußball. In einem Spiel ist immer alles möglich", so der Deutsche, der übrigens den möglichen Viertelfinalgegner in Sevilla (Belgien oder Portugal) von zwei Scouts beobachten lässt. "Das würden wir nicht tun, wenn wir uns nicht eine kleine Chance ausrechnen würden." Während in London kaum rot-weiß-rote Fans zugegen sein werden, könnte es dann in München ein Heimspiel geben. Doch der Respekt des Gegners ist groß: "Es wird ein sehr schwieriges Match für uns. Wir müssen mit derselben Aggressivität und Energie wie bisher kämpfen", sagte Marco Verratti. Ein Kampf ums Überleben auf beiden Seiten - doch nur für Österreich wäre ein Sieg ein Jahrhundertereignis.