Die roten Teufel haben etwas zu beweisen: nicht nur - wieder einmal -, dass die erheblichen Vorschusslorbeeren dieses hoch veranlagten Teams sich in zählbare Erfolge ummünzen lassen. Speziell vor dem EM-Achtelfinale am Sonntagabend (21 Uhr) in Sevilla stellt sich ihnen die Aufgabe "ein für allemal zu beweisen, dass Rechnen für Losers ist". So beschrieb es grinsend der TV- Kommentator Frank Boeckx, ehemaliger Keeper des RSC Anderlecht. Ein Hinweis darauf, dass genau dies in den vergangenen Tagen in Belgien reichlich betrieben wurde. "Ist das die Strafe, neun von neun möglichen Punkten zu holen und Gruppensieger zu werden, dass man im Achtelfinale gegen Portugal spielen muss?", frotzelte Wesley Sonck, einstiger Stürmer des Nationalteams.

Zweifellos herrscht im Land der Nummer eins der Fifa-Weltrangliste großer Respekt vor dem nächsten Gegner, den man seit 1989 nicht besiegen konnte. "Portugal hat eine komplette Elf, es wird ein schönes, aber auch sehr schwieriges Match", so Mittelfeldspieler Yannick Carrasco. Was die roten Teufel betrifft, so gehen sie zwar mit zwei Erholungstagen mehr in die Begegnung, doch auch mit einem Rest Ungewissheit, wo die Mannschaft derzeit steht. Anders als Portugal nämlich wurde man in Gruppe B kaum ernsthaft gefährdet - abgesehen vom knappen 2:1- Sieg gegen über sich hinauswachsende Dänen.

Dem unangefochtenen Gruppensieg mit nur einem Gegentor steht entgegen, dass der große Glanz dabei fehlte - wieder einmal, in der ersten Phase eines Turniers. Zweifellos hat dieses belgische Team ausreichend Potenzial, sich zu steigern. Die Tageszeitung "De Standaard" schreibt vor dem Achtelfinale, die "richtige" EM beginne nun. Doch konstatiert sie auch, dass Belgien den "schwierigsten Weg zum Titel" habe - ein Anspruch, der inzwischen offensiv formuliert wird, nachdem das Team von Roberto Martínez durch den dritten Platz bei der WM 2018 der Rolle des Geheimfavoriten endgültig entwachsen ist. Wenn sein Weg 2021 bis zum Final-Four-Turnier in London führt, ist die nächste Station München, wo entweder die wieder erstarkten Italiener warten - oder das ÖFB-Team. Ein Grund mehr aus österreichischer Sicht, auf die spektakuläre Achtelfinal-Paarung von Sevilla mit besonderem Interesse zu schauen.

Abwehr ist gefordert

Im Mittelpunkt stehen dabei die Superstars Cristiano Ronaldo und Romelu Lukaku, mit bisher fünf beziehungsweise drei Toren. Lukakus internationale Position ist inzwischen derart mächtig, dass sie selbst die Mittelfeldstars Eden Hazard und Kevin De Bruyne überschattet. Ersterer, der bei Real Madrid mit einer Serie von Verletzungen kämpft, spielt bisher eine durchwachsene EM. "KDB" dagegen, selbst im Star-Zirkus der Premier League in einer eigenen Dimension spielend, betrat nach auskurierter Gesichtsverletzung die Bühne dieser EM erst zur zweiten Halbzeit des zweiten Matches. Mit einer Vorlage und einem Tor drehte er das Spiel, das durchaus in die Kategorie jener fällt, die einen Turnierfavoriten letztlich auch zum Gewinner machen.

Für die K.o.-Runde setzt man in Belgien nicht zuletzt auf die besondere Beziehung zwischen Lukaku und De Bruyne, die im letzten Gruppenspiel gegen Finnland einmal sehr sichtbar wurde. Auf dem Platz resultiert diese Verbindung in einem bemerkenswerten Verständnis, was bei allen Turnieren seit 2014 jeweils zu Treffern des Schemas "Vorlage De Bruyne - Tor Lukaku" führte.

Gegen das offensiv starke Portugal ist Roberto Martínez, inzwischen schon im fünften Jahr Cheftrainer der roten Teufel, auch in puncto Abwehr-Aufstellung gefragt. Während das Team am Freitag am Verbands- Sitz in Tubize bei Brüssel das letzte Training vor dem Abflug nach Sevilla absolvierte, spekulierten Beobachter über eine erneute Rückkehr von Innenverteidiger- Routinier Thomas Vermaelen in die Startelf. "Het Nieuwsblad" merkt an, dass Belgien unter Chefcoach Martínez noch kein Duell verlor, an dem der "Verminator" mitwirkte. Abwehrkollege Toby Alderweireld, der gegen Finnland geschont wurde, kündigt derweil an, dass, wer immer am Sonntag das Feld betreten sollte, dafür bereit sein wird. "Wir
haben genug Erfahrung, und jeder weiß perfekt, was er tun muss." Portugal sei ein schwieriger Gegner, doch die roten Teufel hätten einen enormen Drang, "große Dinge" zu realisieren.

Wieder einmal mehr soll sie also liefern - die goldene Generation des belgischen Fußballs. Das Wort von der vermeintlich letzten Chance hört man in diesem Sommer allerdings kaum. Wenn Belgien sein Potenzial abruft, gehört man sowohl bei dieser EM als auch bei der WM nächstes Jahr zu den Kandidaten.