Frank Lampard ist irgendwie schuld, dass nicht Österreich, sondern Italien im EM-Viertelfinale steht. Das mag nun ziemlich skurril klingen, dass der seit mehr als fünf Jahren schon zurückgetretene englische Fußballstar seine Finger beim Achtelfinal-Thriller in Wembley mit ihm Spiel gehabt haben soll, aber der Name Lampard wird auf ewig hin mit der Einführung des Videobeweises im Fußball in Verbindung gebracht werden. Denn hätte das Schiedsrichtergespann bei der WM 2010 in Südafrika das gesehen, was die ganze Welt gesehen hat - nämlich, dass der Lattenpendler von Lampard deutlich hinter der Linie aufschlug -, hätte wohl der damalige Fifa-Boss Sepp Blatter nicht die Pforte für elektronische Schiedsrichter-Hilfsmittel, nämlich Torlinientechnik und VAR, geöffnet. Und Österreichs 1:0-Führungstreffer gegen die Azzurri wäre regulär geblieben ...

Lampards Schuss wäre übrigens der 2:2-Ausgleich im Achtelfinal-Schlager gegen Deutschland gewesen, womit wir nun wieder bei der aktuellen Euro angekommen wären. Denn ebendieser Kracher steht am Dienstag (18 Uhr) nun in Wembley in der Runde der besten 16 an, womit unweigerlich die alten Aufregergeschichten, die alle Duelle dieser beiden Fußball-Großmächte und sonstiger Weltmächte umwehen, auf sämtliche Titelblätter gehievt werden.

Wobei das Wiedersehen in Wembley naturgemäß Erinnerungen an das WM-Finale 1966 weckt, das das wahrscheinlich berühmteste Tor der Fußball-Geschichte bescherte - nämlich Geoff Hursts 3:2-Lattenknaller beim 4:2-Titeltriumph der Briten. Ein Tor- oder Nicht-Tor, über das heute noch diskutiert wird und über das die Torlinientechnik in Sekundenbruchteilen zweifelsfrei entschieden hätte. Die Lampard-Fehlentscheidung 44 Jahre später sei demnach lediglich ausgleichende Gerechtigkeit gewesen (Endstand: 4:1), finden zumindest deutsche Fans. Noch heute.

Aber was ist schon gerecht? Die beiden Niederlagen der Engländer in den Semifinal-Thrillern der WM in Italien 1990 sowie der Heim-EM 1996 haben das Mutterland des Fußballs in eine tiefe Depression gestürzt - und den Ruf der Elfmeterversager, der erst bei der WM 2018 unter Gareth Southgate wieder aufgebrochen werden konnte, verfestigt. Nicht unerwähnt bleiben soll die wohl bitterste Heimniederlage der Engländer im Abschiedsspiel auf dem heiligen Rasen des alten Wembley - 0:1 in der WM-Qualifikation anno 2000. Ausgerechnet ein Deutscher (Didi Hamann) trifft zum letzten Mal in der "Kathedrale des Fußballs". Doch die Three Lions mit David Beckham, Michael Owen und Co. zahlen die Schmach mit barer Münze zurück - mit 5:1 schießen sie die DFB-Elf im Rückspiel aus dem Olympiastadion.

Endlos könnte man diese Geschichten aus der Fußballgeschichte der beiden Nationen fortsetzen - doch die Wahrheit liegt am Dienstag bekanntlich auf dem Platz des längst neuen Wembley-Stadions. Und damit wird die ausgeglichene ewige Bilanz - 13 Siege England, 13 Siege Deutschland, 6 Remis - nicht mehr als Makulatur sein. Viel mehr entscheidend wird sein, ob die beiden Mannschaften ihren gewohnten Spielstil auf den Platz bringen können, zumal beide in der Vorrunde damit so ihre Schwierigkeiten hatten. "Diese Mannschaft kann mit diesem Spiel Geschichte schreiben und den Menschen für die Zukunft Erinnerungen an Duelle zwischen Deutschland und England mitgeben, die anders sind als die, mit denen sie in den letzten Tagen überflutet worden sind", sagte auch Southgate, dem von der Presse sein Elfer-Versagen 1996 sowie die Negativ-Serie in K.o.-Duellen vorgehalten worden waren. Auf der anderen Seite erwartet Thomas Müller wieder einen emotionalen Klassiker - Ausscheiden der Heimelf oder Abschied von Jogi Löw: "Das sind zwei große Fußball-Nationen, das wird ein Leckerbissen."

Warnung vor Schmährufen

Wembley hätte wohl mehrfach ausverkauft sein können - immerhin sind 40.000 Fans vorgesehen. Und weil es keine aus Deutschland angereisten sein dürfen, warnt der englische Verband vor zu viel Übermut: "Diskriminierendes oder respektloses" Fanverhalten werde sanktioniert - darunter Songs wie "Ten German Bombers" mit Anleihen an den Zweiten Weltkrieg. Gebombt und Geschichte geschrieben wird hoffentlich wieder nur mit Bällen.