Ist die Last (einer ganzen Nation) auf den Schultern einfach zu groß? Ist es vielleicht der Glaube an die eigene Unfehlbarkeit? Oder ist es schlicht ein Schuss Überheblichkeit, der den Schuss im entscheidenden Moment nicht zu einem perfekten werden lässt, wie die ganze Welt es erwartet hätte? Wir werden es nie endgültig wissen, warum just den allergrößten Könnern des Fußballs in der ultimativen Entscheidung vom Elfmeterpunkt auffallend oft die Nerven versagen. Kylian Mbappe wird es wohl nicht trösten, dass er sich mit seinem vergebenen Penalty im EM-Achtelfinale gegen die Schweiz (3:3 n. V./4:5 i.E.) in eine prominente Riege an Superstars einreiht, die im Elfmeterschießen schon gescheitert sind. Denn es sind nicht immer die hölzernen Verteidiger, von denen man hätte erwarten können, dass sie aus elf Metern nicht treffen, sondern Diego Maradona, Lionel Messi, Cristiano Ronaldo und Co. - und seit Montag auch Mbappe: "Ich wollte dem Team helfen, aber ich habe versagt", meinte der geknickte 22-Jährige am Tag nach seiner persönlichen Schmach.

  • Diego Maradona: Der im November verstorbene argentinische "Fußballgott" wurde im WM-Viertelfinale 1990 gegen Jugoslawien am Ende zu einem ziemlich irdischen Wesen. Ein schwach und mittig platzierter Schuss wurde zur leichten Beute von Tomislav Ivkovic - doch weil unter anderem auch der serbische Edelkicker Dragan Stojkovic verschoss, kam der spätere Vizeweltmeister mit 3:2 weiter. Wo es Maradona dann im legendären Semifinale in Neapel gegen Italien besser machte und den entscheidenden Penalty zum 4:3-Endstand verwertete.
  • Lionel Messi: Sein Superstar-Nachfolger im Dress der Albiceleste durfte bekanntlich noch keinen großen Titel mit der Nationalelf feiern - was auch an einem von Messi verschossenen Elfmeter liegt. Im Finale der Copa America 2016 gegen Chile knallt Messi das Leder über die Latte - nach dem 2:4 kündigt er sogar frustriert seinen Team-Rücktritt an. Bei der aktuellen Copa in Brasilien absolvierte Messi soeben beim 4:1 über Bolivien seinen 148.Teameinsatz - Argentinien-Rekord.
  • Cristiano Ronaldo: Sein ewiger Rivale um die Krone im Weltfußball musste in seiner Karriere auch schon eine Elfermeter-Schmach verdauen. Zwar nicht bei einem Endrundenturnier, aber immerhin im Finale der Champions League 2008. In der Penalty-Entscheidung gegen Chelsea scheiterte der damalige Manchester-United-Superstar an Goalie Petr Cech - allerdings durften die Red Devils am Ende mit der Trophäe jubeln (6:5 i.E.).
  • Roberto Baggio: Kein Vergleich also zu dem, was der Italo-Star im WM-Finale 1994 gegen Brasilien durchmachen musste. Der Edeltechniker mit dem Zopf hatte die Azzurri bis ins Finale geführt, wo er dann als letzter Schütze an der Reihe war. Doch als zweiter Italiener (nach Abwehr-Legende Franco Baresi) setzte Baggio den Ball über das linke Kreuzeck.
  • Michel Platini und Socrates: Die WM-Geschichte ist voller Elfmeterhelden und -versager. In einem denkwürdigen Penalty-Thriller - WM-Viertelfinale 1986 zwischen Frankreich und Brasilien - scheiterten beide Stars ihrer Truppe. Dass die vielleicht beste Seleção aller Zeiten titellos blieb, lag auch am studierten Arzt Socrates, der - wie immer aus dem Stand vom Elferpunkt - an Joel Bats scheiterte. Kurz darauf schoss auch Platini seinen Versuch drüber - dennoch stieg Frankreich nach dem 4:3 auf.
  • David Beckham. Apropos Drüberschießen. Im Flanken mag der Pin-up-Kicker große Klasse gewesen sein, im Elferschießen (wie viele Engländer) eher nicht. Im EM-Viertelfinale 2004 jagt Beckham als Eröffnungsschütze das Leder in den Nachthimmel von Lissabon, um hernach dem Rasen die Schuld zu geben - am Ende siegen die Portugiesen 6:5.
  • Marco van Basten. Vier Jahre zuvor war er noch umjubelter Kunstschütze zum EM-Titel für Holland, doch im EM-Halbfinale 1992 gegen Dänemark wird van Basten zur tragischen Figur - Peter Schmeichel hält seinen schwachen Schuss (4:5).
  • Zlatan Ibrahimovic: Mit seinem Karate-Tor hat er zuvor die Italiener entzaubert, doch im EM-Viertelfinale 2004 gegen die Oranje scheitert mit Ibrahimovic just der schwedische Superstar in der Elfer-Entscheidung (4:5).
  • Luka Modric: Der spätere Real-Star und Weltfußballer musste Wien im EM-Viertelfinale 2008 gegen die Türkei geknickt verlassen, weil unter anderem er - damals 23 - danebenschoss (1:3). Wie Modric’ große Karriere zeigt, kann man an so einer Erfahrung auch wachsen - und erst dadurch zum Fußball-König werden.