Stefanie Werger hätte ihre Freude. Denn "die halbe Welt ist da, nur kane Spanier" braucht sie jetzt nicht mehr zu singen. Während Weltmeister Frankreich und Europameister Portugal bei dieser Europameisterschaft ebenso ausgeschieden sind wie die Niederlande, ist ausgerechnet jene Mannschaft aus dem Fußball-Großmächte-Universum, der man nach der Gruppenphase vielleicht am wenigsten zugetraut hatte, noch im Viertelfinale und damit im Rennen um den Titel. Wobei es natürlich vermessen ist, die Spanier, Europameister 2008 und 2012, Weltmeister 2010, vorzeitig abzuschreiben. Doch wie die spanischen Medien sie nun, nach dem 5:3 gegen Vizeweltmeister Kroatien nach Verlängerung, in den Himmel heben, könnte sich noch rächen.

Da war er aber nun wieder, der alte Stolz der Furia Roja. "Mit der Qualifikation für das Viertelfinale fliegen die Hoffnungen hoch in Spanien, endlich eine neunjährige Durststrecke beenden zu können", schrieb die Tageszeitung "La Vanguardia". "Mutig, kämpferisch und mit Charakter", nannte "El Mundo" die Spielweise. "El Mundo Deportivo" erinnerte immerhin daran, dass Spanien "leidensfähig" sei und sich seit 2012 bis jetzt nie für ein Viertelfinale eines großen Turniers qualifiziert hatte. Und genau darin liegt auch die Krux: Der Anspruch, an jene Erfolge anzuschließen, mit denen man eine Ära geprägt hat, sowie die Wirklichkeit der jüngeren Vergangenheit lagen oftmals recht weit auseinander. Immer wieder hatte sich Spanien verzettelt, im Glanz früherer Triumphe neue Entwicklungen weggeblendet und es vorgezogen, in Schönheit unterzugehen, als jene Effizienz im Umschaltspiel und vor dem Tor zu zeigen, die längst unabdingbare Voraussetzung für den Erfolg geworden ist. Doch zumindest an diesem Abend zeigte die Truppe von Luis Enrique, der wegen seiner Personalauswahl vor und zu Beginn des Turniers in der Kritik gestanden war, dass es auch anders geht.

Gegner Schweiz hat Geschichte geschrieben

"Das war ein sensationelles Spiel. Wir hatten immer Vertrauen in uns. Wir verbessern uns bei diesem Turnier von Spiel zu Spiel", jubelte Kapitän Sergio Busquets. Allerdings stellte er angesichts einer 3:1-Führung bis fünf Minuten vor dem Ende der regulären Spielzeit auch fest: "Wir hätten das Spiel früher entscheiden müssen. Aber dann haben wir unseren wahren Charakter gezeigt." Auch Trainer Luis Enrique zeigte sich "froh, dass uns das Spiel eine zweite Chance gegeben hat". Diese konnte man nützen, in der Verlängerung stellte der davor in der Kritik gestandene Alvaro Morata die Weichen mit seinem Tor zum 4:3 in der 100. Minute auf Sieg, den Mikel Oyarzabal schließlich sicherstellte.

Nun bekommt es Spanien am Freitag in St. Petersburg mit dem Sensationsteam aus der Schweiz zu tun, das Weltmeister Frankreich im Elfmeterschießen eliminierte und es überhaupt zum ersten Mal in ein Viertelfinale schaffte. "Wir haben Geschichte geschrieben", jubelte Kapitän Granit Xhaka nach dem Match.

Gegen Spanien wird er zwar wegen einer Gelbsperre fehlen, dennoch regierte nach dem Triumph Zuversicht. "Man hat gesehen, alles ist möglich im Fußball", meinte etwa Xherdan Shaqiri. Torhüter Yann Sommer, der den entscheidenden Elfmeter des französischen Superstars Kylian Mbappe abwehren konnte, wollte freilich noch keine Prognosen abgeben. "Ich stehe noch ein bisschen neben mir", sagte er.

Wortgewaltiger waren da schon die Medien in der Heimat. Die Schweizer Nachrichtenagentur Keystone-SDA begann ihre Blitzmeldung mit: "Wahnsinn!" Die Boulevardzeitung "Blick" schrieb: "Sommer hext die Nati in den EM-Viertelfinal". Die ehrwürdige "Neue Zürcher Zeitung" nannte die Nacht eine "der denkwürdigsten" der Schweizer Fußballgeschichte. Und vorbei ist es noch nicht. Jetzt kommen erst einmal die Spanier.