Während eine große Trainerkarriere am Dienstagabend auf dem Rasen des Wembley-Stadions endete, ging rund 560 Kilometer Luftlinie nordöstlich davon ein Stern so richtig auf. Wobei das freilich so nicht ganz stimmt. Denn Andrij Schewtschenko, Trainer der Ukraine, die mit einem 2:1 nach Verlängerung gegen Schweden ins Viertelfinale der EM einzog, war auch schon ein Star, lange bevor er Teamchef wurde.

Als solcher hat er freilich noch nicht die Erfolge eines Joachim Löw vorzuweisen, der sich etwas mehr als zwei Stunden davor mit einer 0:2-Niederlage gegen England aus dem Bewerb und von seinem Posten als deutscher Bundestrainer verabschiedet hatte. Und doch gibt es in den unterschiedlichen Lebensläufen der beiden auch eine Parallele: Als die deutsche Mannschaft 2006 ihr Sommermärchen mit dem dritten Platz bei der Heim-WM erlebte und Löw nur wenige Tage danach vom Co- zum Chefcoach befördert wurde, erlebte auch die Ukraine ihren bisherigen fußballerischen Höhepunkt. Bei ihrer ersten WM-Teilnahme schaffte sie es ins Viertelfinale - mit Schewtschenko, Champions-League-Sieger mit Milan 2003 und Europas Fußballer des Jahres 2004, als einem ihrer Stars.


Links

Hier geht's zum EM-Blog

wienerzeitung.at ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten.

Jogi Löws Weg als DFB-Coach ist zu Ende. - © afp / Frank Augstein
Jogi Löws Weg als DFB-Coach ist zu Ende. - © afp / Frank Augstein

Nun ist er als Trainer auf seinem Karriere-Höhepunkt angelangt - und darf am Samstag (21 Uhr) im Viertelfinale von Rom Löw-und-Deutschland-Bezwinger England fordern.

"Kein Team wollte verlieren, deshalb ist es zu diesem Drama gekommen", sagte Schewtschenko nach dem Krimi gegen Schweden, der zwar spielerisch auf eher mauem Niveau ausgetragen wurde, aber mit der roten Karte gegen Schwedens Marcus Danielson in der 98. Minute sowie dem Siegtor durch Artem Dowbyk in der 121. Minute der Verlängerung gegen Ende hin doch noch Action zu bieten hatte. "Der Plan, den wir entwickelt haben, ist gut aufgegangen. Mit dieser Leistung, diesem Engagement und dem heroischen Kampf hat sich die Mannschaft die Liebe einer ganzen Nation verdient."

Andrij Schewtschenko und die Heimatverbundenheit - das war allerdings immer auch ein bisschen ein zweischneidiges Schwert. Als Kind erlebte er zunächst den Reaktorunfall von Tschernobyl, später den Zerfall der Sowjetunion hautnah mit. "Nur die Liebe meiner Eltern und der Sport haben mich gerettet. Das Land löste sich auf, die Menschen waren verzweifelt. Drogen, Waffen und Alkohol haben meine Freunde getötet", sollte er später sagen.

Der Umgang mit Entbehrungen war es schließlich auch, der seine frühe Fußballerkarriere in der Akademie von Dynamo Kiew unter Trainerlegende Waleri Lobanowsky prägte - lange bevor er bei Milan selbst begann, im Leben den Doppelpass zwischen grünem Rasen und rotem Teppich zu spielen. "Auf dem Spielfeld bin ich durch den Dreck gewatet. Es gibt keinen leichten Weg zum Ruhm", sagte er einst.

Und das gilt freilich auch für seine Karriere als Trainer, die er nach einem Ausflug in die Politik - nach der enttäuschenden Heim-EM 2012 trat Schewtschenko als Aktiver zurück und engagierte sich für die sozialdemokratische Bewegung "Vorwärts - Ukraine", auch die Maidan-Bewegung prägte ihn - in Angriff nahm. 2016 wurde er 39-jährig zum Co-Trainer der Nationalmannschaft ernannt, wenige Monate später zum Chefcoach. Wenngleich er aufgrund seiner fußballerischen Verdienste als Volksheld galt, gab es auch kritische Stimmen ob seiner mangelnden Vorerfahrung als Übungsleiter. Und die wurden nicht weniger, als die Ukraine die Qualifikation für die WM 2018 verpasste.

Doch der Verband hielt an dem heute 44-Jährigen fest - und wurde mit der souveränen Qualifikation für diese EM sowie dem nunmehrigen Viertelfinal-Einzug belohnt. Und auch wenn manch österreichische Fan nun denkt, das könnten auch wir sein, schließlich wurde die Ukraine in der Gruppenphase besiegt und hinter sich gelassen, so sei man mit einem Blick auf Deutschland getröstet. Schließlich schaffte es auch der Weltmeister von 2014 nicht in die Runde der letzten Acht. "Jetzt über alles zu reden, ist schwierig", sagte Löw, nach einer Bilanz über seine 15-jährige Tätigkeit befragt. "Denn die Enttäuschung überwiegt."