Der Fußball ist vorerst bis zum Halbfinale aus England abgezogen, die Diskussionen kennen freilich keine Pause. Und sie handeln von genau jenen Problemen, derentwegen die EM schon um ein Jahr hatte verschoben werden müssen: von Corona und Menschenmassen.

In Wembley waren beim Spiel England gegen Deutschland 45.000 Fans im Stadion zugelassen, auf den Straßen wurde nach dem Sieg der Gastgeber feucht-fröhlich gefeiert. Beim Halbfinale und Finale sollen sogar 60.000 Zuschauer den Spielen in jenem Stadion, das ansonsten für 90.000 Platz bietet, beiwohnen dürfen.


Links

Hier geht's zum EM-Blog

Hier finden Sie alle Termine und Livespiele

wienerzeitung.at ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten.

Rufen aus dem Ausland, die Pläne angesichts der sich in Großbritannien rasch ausbreitenden Delta-Variante zu überdenken, hat der Europaverband Uefa bisher eine Abfuhr erteilt.

Kritik wird lauter

Nun aber wird die Kritik immer lauter. Am Mittwoch sagte der deutsche Vizekanzler und SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz zur "Süddeutschen Zeitung": "Bei aller Freude über die spektakulären Spiele dieser EM halte ich es für bedenklich, wie viele Zuschauer inzwischen in einige Stadien gelassen werden."

"Mühsam und unter großen Anstrengungen" habe Europa die Pandemie in den Griff bekommen - "das sollten wir jetzt nicht aufs Spiel setzen". Die Uefa solle ihr Konzept dringend überdenken, forderte Scholz.

Noch deutlicher wurde der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. "Das Spiel (England gegen Deutschland, Anm.) hat nochmal gezeigt, wie eng die Fans stehen, wie oft sie sich umarmen und anschreien. Es haben sich sicherlich Hunderte infiziert, und diese infizieren jetzt wiederum Tausende", schrieb Lauterbach am Mittwoch bei Twitter - und folgerte: "Die Uefa ist für den Tod von vielen Menschen verantwortlich."

Doch damit nicht genug. Denn London ist beileibe nicht der einzige Problemfall. In St. Petersburg, wo am Freitag das Viertelfinale Spanien gegen die Schweiz über die Bühne gehen soll, stellt sich die Lage noch schlimmer dar. Die russische Hafenstadt, als Austragungsort von Anfang an umstritten, bisher aber schon Gastgeber von fünf Spielen, hatte erst am Dienstag mit 119 einen Höchststand an Todesfällen in Zusammenhang mit dem Coronavirus seit Ausbruch der Pandemie vermeldet - und mit Bildern feiernder Fans ohne jeglichen Abstand für Irritationen gesorgt.

Zudem werden Massenveranstaltungen wie Schulabschlussfeiern abgehalten, auch Nicht-Fußball-Touristen drängen sich in Zeiten der "weißen Nächte" durch das Zentrum. Insgesamt wurden die Restriktionen zwar verschärft, sie wirken aber eher halbherzig. So sollen in die größte Fanmeile der Stadt nur noch 3.000 statt bisher 5.000 Menschen hineingelassen werden, die Restaurants nachts für vier Stunden geschlossen bleiben. Ob das die Fans aber von ausschweifenden Feiern abhält, ist zweifelhaft.

Für das Spiel selbst - es wird das letzte sein, das bei dieser EM in St. Petersburg ausgetragen wird - sind vorerst keine Änderungen des Hygienekonzepts vorgesehen. Es bleibe dabei: 50 Prozent der mehr als 60.000 Plätze in der Arena dürfen besetzt werden. Der Kreml betont, in der Stadt laufe alles nach den Regeln. Auch die Uefa sieht keinen Handlungsbedarf.

Vorfreude "selbst am Südpol"

Gemäß der aktuellen Gesetzeslage läuft alles auch für aus England zum Viertelfinale ihres Teams nach Rom reisende Fans ab. Das heißt, nach Ankunft in Italien müssen sie sich unverzüglich in eine fünftägige Quarantäne begeben. Italien hatte die entsprechende Verordnung für britische Gäste bereits Mitte Juni erlassen.

Unumstritten ist freilich auch ein weiterer Viertelfinal-Schauplatz nicht: Die Dänen müssen zu ihrem Spiel gegen die Tschechen in die aserbaidschanische Hauptstadt Baku reisen, die zwar über die Corona-Lage nicht viel Auskunft gibt, aber bisher eher mit mauer Atmosphäre aufgefallen ist. Teamchef Kasper Hjulmand hatte zu Beginn der Woche noch einmal den Modus der EM mit wechselnden Spielorten gerade in Zeiten der Corona-Pandemie kritisiert. "Rein sportlich gesehen gibt es Orte, an denen ich lieber spielen würde", sagt er auch jetzt - fügt allerdings auch an: "Aber selbst wenn es am Südpol wäre, würde ich mich auf ein EM-Viertelfinale freuen."(art)