Das mit der Sonne war eine leichte Übertreibung. Aber die Elf unterm St.-Georgs-Kreuz hatte tatsächlich den vielbeschworenen "Drachen der Vergangenheit" erschlagen. Mit ihrem Sieg über Deutschland hatte sich, wie alle England-Fans einander freudig bestätigten, England eines Traumas entledigt, das 55 Jahre lang über dem Wembley-Stadion gehangen war wie ein düsterer Fluch. Jürgen Klinsmann, von britischer Seite als Kommentator angeheuert, brachte es auf den kürzesten Nenner in London. Dies sei, sagte er, "Englands Augenblick".

So empfanden es auch die Einheimischen. Von Dover bis Durham hatten Tausende bis spät in die Nacht gefeiert. Und am Mittwoch musste alles im kleinsten Detail noch einmal durchgesprochen werden - der zögernde Start, die beiden erlösenden Tore, der gewaltige Jubel auf den Rängen. Dass es Gareth Southgate gelungen war, die persönliche "Demütigung" von 1996 endlich wettzumachen, hier an Ort und Stelle.


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Im Rückblick konnten es feiernde Fans vor Freude kaum fassen. Dies sei "der beste Tag meines Lebens" gewesen, erklärte die Schulassistentin Charlotte Morris englischen Reportern. "Es ist einfach unglaublich", bekannte eine andere Fußball-Begeisterte, die Bau-Sachverständige Jake Meredith. "Ich bin echt selig."

Sein "größter Traum" sei in Erfüllung gegangen, schwärmte der Student Jack Njamfa. England sei "einfach spitzenmäßig" zurzeit, meinten andere - während es die Deutschen an Qualität hätten mangeln lassen. Lustig fanden viele, dass der kleine Prinz Georg, der siebenjährige Sprössling Williams und Catherines, das Spiel im Wembley verfolgt hatte: In Anwesenheit dieses kleinen Glücksbringers und Namensvetters des englischen Nationalheiligen hatte die Gegenseite offenkundig keine Chance.

Einige der Londoner Boulevardblätter, die in der Vergangenheit die Begegnungen beider Seiten zu kriegsähnlichen Konfrontationen aufgebauscht hatten, konnten sich auch an diesem Tag kleiner Spitzen nicht ganz enthalten. Die "Daily Mail" triumphierte darüber, dass England es "dem alten Feind" endlich gezeigt hatte, nach den Niederlagen der Vergangenheit. Ansonsten aber war der Ton ein anderer. Gratulationen waren an der Tagesordnung für ein Team, das ganz einfach "überlegen" gespielt hätte. Als "frisch und jung und effizient" habe sich die englische Mannschaft erwiesen: Darin war man sich einig. "Gut gemacht, England!", quittierte Premierminister Boris Johnson das Ergebnis. Southgate selbst zeigte sich am Mittwochmorgen fast so erleichtert wie froh unter den England-Fahnen seiner Tür. Viele seiner Landsleute brachten es freilich nicht über sich, an diesem Tag zur Arbeit zu gehen. Schätzungen gingen dahin, dass eine Viertelmillion Menschen in England den Mittwoch freinahmen: Sei es, weil sie einen schlimmen Kater auskurieren mussten oder weil sie alles mit Freunden noch einmal bereden mussten - um gleich wieder ins Pub zu gehen. Allein während des Spiels wurden nach Angaben des britischen Bier- und Pub-Verbandes 5,25 Millionen Pints konsumiert.

Trügerische Normalität?

Kneipen, Pub-Gärten und Fan-Zonen hatten sich auf das Ereignis sorgfältig vorbereitet. Ein Pub, das "Big Tree" in Sheffield, öffnete schon zehn Stunden vor dem Anpfiff, um sieben Uhr morgens.

In der Tat hatten am Dienstag zahlreiche England-Fans früh Feierabend zu machen versucht - mit oder ohne Zustimmung ihrer Oberen. Viele, die in London von der Arbeit kamen und schnell im Auto heimfahren wollten, hatten sich aber im Verkehrsvolumen verschätzt und steckten noch zu Spielbeginn wild hupend und fluchend in hoffnungslosen Blechknäueln fest. Die Glücklicheren hatten sich längst irgendwo zu Fuß zum gemeinsamen "Erlebnis" versammelt. Auf Trafalgar Square, wo vor kurzem noch tausende angereiste schottische Fans abgewiesen wurden, fand eine ausgelassene Party statt. Die Polizei machte sich rar und ließ die Fans jubeln. Für viele war dieser Tag schlicht ein Tag, an dem man die Covid-Misere vergessen wollte. Mit den Wembley-Spielen, mit dem Start zu Wimbledon und mit der Erwartung weiterer Veranstaltungen hat sich für viele Briten der Eindruck verstärkt, dass ihr Land in diesem Sommer wieder einer gewissen "Normalität" zusteuert. Das haben ja auch Premier Johnson und sein neuer Gesundheitsminister Sajid Javid versprochen.

Javid hat, mit einem ganz neuen Selbstbewusstsein, den 19. Juli zum Datum erklärt, an dem "das Ende" des Lockdown zu erwarten stehe, wonach es "nie wieder eine Rückkehr" zu den alten Vorschriften geben werde. Johnson selbst ist der Ansicht, "dass wir künftig mit Covid werden leben können, selbst wenn die Infektionszahlen weiter steigen - dank dem Schutz, den uns der Impfstoff verleiht".

Skeptische Wissenschafter finden es derzeit immer schwieriger, der Nation zu weiterer Vorsicht zu raten. Allein schon die aktuelle Erhöhung der Zuschauerzahlen im Wembley, auf die Halbfinale und aufs Endspiel hin, löst kaum noch Aufregung aus - obwohl am Mittwoch berichtet wurde, dass fast 2.000 neue schottische Corona-Fälle auf das Konto von Fußballspielen gehen. Unterdessen muss das England-Team nun aber erst einmal seinen Feldzug fortsetzen, bevor es "den Fußball heimgebracht" haben wird, wie es viele erwarten, jetzt, nachdem Deutschland ausgeschaltet und auch Frankreich ausgeschieden ist. Der Kater könnte freilich noch folgen.