Man sollte mit dem Begriff "Sommermärchen" ja eher vorsichtig umgehen, zumal die Deutschen ihn bei der WM 2006 für sich in Anspruch nahmen - ehe ihnen die Irrungen und Wirrungen der Geldflüsse rund um die Vergabe der Heim-WM nur so um die Ohren rauschten, wie es eher bei Herbststürmen der Fall ist. Nach dem Viertelfinaleinzug der Schweiz schien er vielen Medien aber passend. Immerhin hatte Tormann Yann Sommer den entscheidenden Elfmeter von Frankreichs Superstar Kylian Mbappe nach 120 verrückten Minuten, nach denen es 3:3 gestanden war, ge- und die Träume der Nati am Leben erhalten.

Und nun also Spanien, die nächste Fußballgroßmacht, aber vor Turnierbeginn längst nicht so hoch gehandelt wie die Franzosen. Und wer die schlägt, der ist auch gegen die Spanier nicht chancenlos, dieser Tenor war vor dem nun Freitag anstehenden Viertelfinale in St. Petersburg (18 Uhr) im eidgenössischen Teamcamp immer wieder zu hören.


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Als Stimmungskiller könnte aber der Hinweis auf das Fehlen von Granit Xhaka, für Sommer "unser Herz auf dem Platz", wirken; ebenso wie die Tatsache, dass Sommer - hinter einer eher anfälligen Abwehr - längst nicht so unbezwingbar war, wie die Schlagzeilen nach jenem Sieg über Frankreich vermuten lassen würden. Acht Gegentore musste die Schweiz im bisherigen Turnierverlauf bereits einstecken, so viele wie kein anderes Team. Elf Tore wiederum haben die Spanier, die zu Beginn noch für ihre Ladehemmung kritisiert worden waren, schon geschossen - auch das die bisherige Bestmarke bei dieser EM, bei der mit Toren generell nicht gegeizt wird.

Improvisieren und Erden

Es wird vor allem an einem Mann liegen, der neben Sommer als zweiter Vater des Viertelfinal-Einzugs bejubelt wird, hier adäquate Lösungen zu finden: Trainer Vladimir Petkovic. Einerseits gilt es, dass die Schweizer sich nicht von der Furia Roja überrollen lässt, andererseits müssen sie auch ohne ihren Mittelfeld-Dirigenten und Kommandanten Xhaka versuchen, Akzente zu setzen. Als Alternativen stehen Denis Zakaria und Djibril Sow parat, doch vom Spielertyp her gibt es keinen wirklichen Ersatz für Xhaka, der eine Gelbsperre absitzen muss.

Er selbst will seinem Fehlen allerdings keine große Bedeutung beimessen. "Die Jungs machen das auch ohne mich. Ich freue mich auf das Heimspiel im Halbfinale in London", meinte er mit Verweis auf seine Vereinstätigkeit bei Arsenal. Sein Mittelfeldpartner Remo Freuler sieht es ähnlich, zumindest nach außen hin: "Gegen Frankreich haben alle Einwechselspieler einen tollen Job gemacht. So wird es auch bei dem sein, der für Granit ins Spiel kommt." Petkovic muss nun nicht nur improvisieren und die Taktik gleichzeitig an die Spanier anpassen, sondern die Mannschaft nach dem Höhenflug wieder erden. Und es gibt wohl kaum jemanden, dem man diese Aufgabe mehr zutrauen würde als dem 57-jährigen aus Sarajevo, der 2014 als italienischer Pokalsieger mit Lazio und Nachfolger des legendären Ottmar Hitzfeld zum Verband gewechselt war. Schon während seiner aktiven Karriere, von der er viele Jahre in der Schweiz verbracht hat, hat er mit dem Jus-Studium begonnen, während seiner Trainer-Anfangsjahre als Sozialarbeiter Arbeitslose und Suchtkranke betreut. Als die Kicker wegen eines Friseurbesuchs und schwacher Ergebnisse in den ersten beiden Spielen in der Kritik standen, nahm er sie öffentlich in Schutz und mahnte Solidarität ein.

Der Erfolg gab ihm recht, auch wenn er von Genugtuung nicht sprechen wollte. Er sei "stolz auf diese Mannschaft, nach diesen 120 Minuten gegen den Weltmeister", war noch das Euphorischste, das ihm nach dem Sieg über Les Bleus zu entlocken gewesen war. "Wir haben immer wieder Rückschläge wegstecken müssen."

Was er freilich auch weiß: Einen Rückschlag kann es leicht auch gegen Spanien, den haushohen Favoriten, geben. Das Märchen, Frankreich in einer Berg- und Talfahrt der Gefühle geschlagen und das Viertelfinale erreicht zu haben, aber bleibt - und es wird dem Schweizer Fußball weit über einen Sommer hinaus erhalten bleiben.