Alle Wege führen bekanntlich nach Rom - jener für England zumindest über Rom. Denn das Viertelfinale am Samstag (21 Uhr) gegen die Ukraine in der ewigen Stadt ist für die Three Lions nur Zwischenstation auf dem Weg zurück zum heiligen Rasen nach Wembley: Nach drei Vorrundenpartien in der "Kathedrale des Fußballs" winken Semifinale, Finale und womöglich sogar der EM-Titel vor fast ausschließlich heimischem und - wie man sich denken kann - enthusiasmiertem Publikum. Immerhin ist es 55 Jahre her, dass sich im Mutterland des Fußballs Ähnliches zugetragen hat, wie nun auf der Insel allerorten erträumt wird: Deutschland besiegen, Wembley-Tor im Finale, WM-Titel. Zumindest Ersteres ist beim 2:0-Sieg im Achtelfinale schon einmal wieder geglückt. Auch zum ersten Mal seit 55 Jahren in einem K.o.-Duell.

Doch diese Vergangenheit interessiert die aktuelle Spielergeneration samt ihrem Trainer Gareth Southgate herzlich wenig, zumal im englischen Fußball die Historie - Stichwort: Elfmeterschießen-Trauma - immer mehr Last als Lust war. Vor allem wegen der chronischen Erfolglosigkeit bei Endrundenturnieren, die man nicht selten als Mitfavoriten in Angriff genommen hat, dann aber enttäuscht frühzeitig verlassen hat müssen. Demnach wäre Italien kein so guter Boden, Rom jedoch ein noch unbefleckter: Bei der WM 1990 gab es die bittere Halbfinalniederlage nach Penaltyschießen gegen die BRD in Turin - somit blieb Paul Gascoigne, Gary Lineker und Co. der Weg in den Olymp, respektive ins Olympiastadion, verwehrt. Auch so eine Anekdote, die in eine Zeit passt, in der ganz Fußball-England die vergangenen 55 Jahre in einem aufzuräumen versucht. Und Southgate ist der Mann, der berechtigt ist, nicht nur die Fäden neben dem Feld zu ziehen, sondern als National-Coach auch neben der National-Couch sitzt, um im großen Stil Psychoanalyse zu betreiben. Immerhin hatte er einen dieser verflixten Elfmeter getreten, die Titel verhindert und nationales Unheil gebracht haben. 1996 im Heim-Halbfinale gegen die Deutschen war es, als Southgate als letzter Schütze scheiterte. In Wembley natürlich. Auch wenn es kitschig anmutet, aber es ist keine größere Fußballgeschichte bei dieser EM denk- und erfindbar, als wenn die Three Lions am 11. Juli den Henri-Delaunay-Pokal stemmen würden. Und Southgate sehr bald danach an Ort und Stelle ein lebensgroßes Denkmal hingestellt bekäme.


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Und wenn Raheem Sterling so weitertrifft, wird sein Antlitz unmittelbar daneben platziert. Auch das wäre eine grandiose Story für sich, zumal der Manchester-City-Angreifer in der Nähe des Epizentrums des britischen Fußballs aufgewachsen ist und folglich ein echter "Wembley-Boy" ist. Wie viel ihm das Stadion bedeutet, kann man auch auf seinem Unterarm ablesen: Dort ist ein Bub - der kleine Sterling - auftätowiert, der mit dem 10er-Leiberl erwartungsvoll Richtung des Fußballtempels mit dem gewaltigen Stahlbogen blickt. Ein Traum, der seiner Erfüllung harrt. Denn schon als Kind habe er davon geträumt, "eines Tages der König von Wembley zu sein", sagte Sterling vor einigen Tagen. Für sein soziales Engagement ist er zuletzt schon mit dem Ritterorden ausgezeichnet worden - falls er die Three Lions zum Titel schießen sollte, wird sich die Queen sicher noch etwas einfallen lassen.

Im Garten Wembley

"Ich habe immer gesagt, wenn ich bei einem großen Turnier in Wembley spiele, werde ich treffen - in meinem ‚back garden‘", sagte der 26-Jährige schon nach seinem Goldtor gegen die Kroaten. Zwei weitere hat er folgen lassen - den Siegtreffer gegen die Tschechen und die vorentscheidende Führung gegen die Deutschen. Dabei hatte er heuer unter Pep Guardiola eine schwierige Saison erlebt, indem er seinen Stammplatz an Nationalteam-Kollegen Phil Foden einbüßte. Trotz der gewaltigen Offensiv-Konkurrenz war es im Teamdress genau umgekehrt - Sterling blieb Southgates Nummer eins im Sturm und dankte es ihm mit drei Toren en suite für England. Dies war bisher nur Gary Lineker bei der WM 1986 gelungen, wo dieser auch zum Torschützenkönig avancierte.

Allerdings folgte dort dann das jähe Aus im Viertelfinale (!) gegen Diego Maradonas Argentinien (wir erinnern uns an die "Hand Gottes"). Womit wir wieder beim Thema wären: Ein Traum kann auch ganz schnell in einem neuen Trauma enden.