Ganz England erhofft den ersten Titel seit 1966 und den größten EM-Erfolg seit dem dritten Platz 1968. Ganz England? Zumindest einem gefällt die Erwartungshaltung seiner Landsleute nur bedingt. Teamchef Gareth Southgate sprach vor dem Viertelfinale gegen die Ukraine eine Warnung aus mit der Kernbotschaft: Die Fans dürfen ruhig träumen, seine Mannschaft darf es aber nicht. "Das ist ein gefährlicher Moment. Das Gefühl des Erfolgs, die Stimmung im Land - wir dürfen nicht nachlassen", sagte Southgate. "Es gibt die Wahrnehmung, dass wir nur antreten müssen und schon sind wir auf dem Weg. Aber wir müssen das Spiel auf die richtige Art und Weise vorbereiten. Unsere Mentalität wird enorm wichtig sein, wir brauchen den Fokus wie gegen Deutschland."

Erstmals bei diesem Turnier darf England nicht im heimischen Wembley-Stadion antreten, auf dem Weg nach Italien werden auch die Three Lions erstmals Flugkilometer sammeln. Für englische Fans wurde Rom schon vorab zum Stimmungskiller. Als Vorsichtsmaßnahme gegen die Verbreitung der Coronavirus-Mutante Delta müssen britische Bürger ihre gekauften Tickets zurückgeben - oder an in Italien lebende Freunde oder Verwandte weitergeben. Einer diesbezüglichen Anfrage der italienischen Behörden kam die Uefa nun nach.

Während beim 2:0 gegen Deutschland mehr als 40.000 fast ausschließlich englische Fans eine riesige Party gefeiert hatten, wird die Unterstützung von den Rängen im Olympiastadion also verhalten ausfallen. Southgate versuchte die veränderte Ausgangslage positiv umzudeuten. "Ich habe den Spielern gesagt, dass das jetzt eine fantastische Herausforderung für uns ist. Wir müssen raus aus Wembley, das Wetter wird wahrscheinlich heiß und kaum ein England-Fan im Stadion sein." Trotzdem gibt es an der Favoritenrolle nichts zu rütteln. Zusammen mit dem Sonderfall Dänemark schafften die Ukrainer als punktemäßig schwächstes Team aller 16 Teams den Sprung ins Achtelfinale. Nach dem späten 2:1-Sieg nach Verlängerung gegen Schweden dürfte das Team des ehemaligen Weltklasse-Stürmers Andrij Schewtschenko zudem schneller an sein physisches Limit geraten.

England hingegen hat als einziges Team im Turnier weiterhin kein Gegentor bekommen. Dabei war Jordan Pickford nach durchwachsenen Leistungen bei Everton als umstrittener Einsergoalie ins Turnier gestartet. Doch eine Tormann-Debatte handelte sich der 1,85-Meter-Mann auch dank seiner solide arbeitenden Vorderleute nicht ein, im Gegenteil: Der 27-Jährige könnte in Rom Gordon Banks’ Turnier-Bestmarke von vier Spielen ohne Gegentor, die dieser auf dem Weg zum bisher einzigen (WM-)Titel 1966 aufgestellt hatte, übertreffen.

Die Ukraine will dem Favoriten ausgerechnet in dem Land ein Bein stellen, wo ihr Teamchef seine Glanzjahre als Torjäger verbracht hat. "Es ist unglaublich schwierig, gegen sie zu treffen, aber ihre Stärke sollte uns nicht erschrecken", sagte der frühere AC-Milan-Stürmer Schewtschenko. "Es soll uns motivieren, denn im Fußball wie im Leben ist alles möglich. Und wir werden mit Herzblut spielen, um unsere Fans noch mehr jubeln zu lassen."