Das Nationalteam ist tot, es lebe das Nationalteam! So in etwa hätte man die Stimmung in der tschechoslowakischen Nationalmannschaft an jenem denkwürdigen 17. November 1993 im Brüsseler Lotto-Park-Stadion beschreiben können. Nicht nur hatte man im letzten Qualifikationsspiel für die WM 1994 in den USA gegen Belgien (0:0) die Chance auf eine Teilnahme verpasst, auch war es das Ende dieser Nationalmannschaft überhaupt. Denn im Grunde gab es diesen Staat, den die "Auswahl der Tschechen und Slowaken", wie die Elf damals offiziell genannt wurde, hier repräsentierte, gar nicht mehr. Schon am 1. Jänner 1993 hatte die Tschechoslowakische (Sozialistische) Republik, die 75 Jahre zuvor, am 28. Oktober 1918, ausgerufen worden war, seine friedliche Auflösung und Teilung in zwei unabhängige Republiken, Tschechien und Slowakei, beschlossen. Allein die Nationalmannschaft, die gerade mitten in der WM-Qualifikation stand, erwischte die "Samtene Revolution" am falschen Fuß, und so ließen Prag und Bratislava die Kicker noch einige Monate gewähren.

Wer allerdings gedacht hatte, dass vor allem die Tschechen dadurch das Kicken verlernen würden, wurde nur zwei Jahre später, bei der Euro 1996 in England, eines Besseren belehrt. Während die Slowakei die Qualifikation nicht schaffte, sorgte die Reprezentace, die zuvor in eine Todesgruppe mit Deutschland, Italien und Russland gelost worden war, für ein Fußballwunder. Ein Sieg (Italien) und ein Unentschieden (Russland) genügten, um Tschechien aufgrund des direkten Duellsiegs auf den zweiten Tabellenrang zu hieven - und das Fußballmärchen nahm seinen Lauf. Nach einem 1:0 gegen Portugal im Viertelfinale wartete in Manchester Frankreich, das man nach torlosen 120 Minuten sensationell im Elfmeterschießen bezwang. Europas jüngste Nationalmannschaft stand damit plötzlich im Finale, musste sich aber in Wembley dann doch den Deutschen, für die Oliver Bierhoff zwei Mal traf, 1:2 geschlagen geben. "Golden Goal brachte Tschechen ums Gold", klagte die Tageszeitung "Lidove noviny". Und die "Pravo" schrieb zutreffend: "Nach einem großen Kampf haben wir verloren, aber nicht enttäuscht."


Links

Hier geht's zum Blog

Hier finden Sie alle Termine und Livespiele

wienerzeitung.at ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten.

Karel Brückner Superstar

Was also mit dem Ende der Tschechoslowakei auch im Fußballsport besiegelt schien, erlebte nun erst recht ihre Auferstehung. Seit 1996 hat sich Tschechien nicht nur für jede EM erfolgreich qualifiziert, sondern es ein Mal ins Halbfinale (2004 gegen Griechenland) und zwei Mal ins Viertelfinale (2012 gegen Portugal, 2021 gegen Dänemark) geschafft. Damit zählt die Reprezentace nicht nur zu den erfolgreichsten Teams Europas, sondern auch zu den sportlich nachhaltigsten. Es war dies vor allem das Verdienst von Langzeit-Teamchef und Ex-ÖFB-Trainer Karel Brückner, der den Tschechen von 2001 bis 2008, also länger als jeder andere Trainer vor und nach ihm, vorstand. Er führte die Nationalelf nicht nur das erste Mal zu einer WM (2006), sondern auch auf den zweiten Platz in der Weltrangliste. Österreich schaffte es nur ein Mal, 2015, unter die Top-Ten. Als österreichischer Teamchef war Brückner von 2008 bis 2009 mit vier Niederlagen, drei Remis und einem Sieg hingegen weniger erfolgreich. Dafür verbesserte sich das ÖFB-Team in diesem Zeitraum in der Weltrangliste immerhin vom 92. auf den 61. Platz.

Die Basis dafür, dass die tschechische Mannschaft so eindrucksvoll reüssiert, wurde schon früh gelegt. Bereits zu Zeiten der österreichisch-ungarischen Monarchie zählten die böhmischen Klubs Slavia Prag und Sparta Prag zu den besten Europas, 1911 holte eine böhmische Auswahl sogar bei der ersten (inoffiziellen) Europameisterschaft in Frankreich den Titel. Nach der Gründung des tschechoslowakischen Nationalteams 1920 eilte man weiter von Sieg zu Sieg und zertrümmerte etwa bei den Olympischen Spielen 1920 in Antwerpen die Auswahlen aus Jugoslawien, Norwegen und Frankreich mit 7:0, 4:0 und 4:1. Erst im Endspiel gegen Belgien mussten sich die Tschechoslowaken 0:2 geschlagen geben - das heißt, es endete eigentlich mit einem Eklat.

Weil die Spieler, allen voran Kapitän Karel Pesek, mit den Entscheidungen des englischen Schiedsrichters John Lewis nicht einverstanden waren, kam es zu lautstarken Protesten und einem Platzverweis. Als kurz darauf auch der Kapitän vom Feld geschickt werden sollte, verließ das gesamte Team geschlossen die Arena - und provozierte den Abbruch. Keine Minute zu spät. "Bereits in der 32. Minute überkletterten ganze Schwärme belgischer Soldaten die Umzäunung und lagerten sich um das Fußballfeld", berichtete der Reporter des "Prager Tagblatts". "Ich muss ehrlich gestehen, daß die Tschechoslowaken gut taten abzutreten, als später vielleicht noch verprügelt zu werden."

Durchmarsch ins Finale?

Neben Olympia, wo man 1964 Silber und 1980 Gold eroberte, erfolgreich war die Nationalmannschaft vor allem bei Welt- und Europameisterschaften. Schon bei ihrem WM-Debüt 1934 schaffte man den Sprung ins Endspiel gegen Italien und wurde Vize-Weltmeister, dasselbe Kunststück gelang 1962 gegen Brasilien. Ähnlich beeindruckend liest sich die EM-Statistik, laut der es die CSSR zwischen 1960 und 1992 bei jeder ihrer insgesamt nur drei Endrundenteilnahmen ins Halbfinale schaffte und zwei Mal Dritter (1960 und 1980) wurde. Unvergessen blieb freilich der Finalsieg 1976 über Deutschland - im Elfmeterschießen. Es war dies der erste und bisher einzige Titelgewinn in der Geschichte der Nation.

Was aber nicht ist, kann ja noch werden. Schlagen die Tschechen am Samstag im Viertelfinale Dänemark (18 Uhr), warten mit England oder der Ukraine im Halbfinale keine unbezwingbaren Gegner. Der Weg ins Wembley wäre geebnet und das wohl auch keine Überraschung. Denn Tote sehen anders aus.