Es waren zwei Spiele, die an Dramatik kaum zu überbieten waren, Lust auf mehr bei dieser EM machten und schließlich die Neuauflage des Euro-Finales von 2012 in der Vorschlussrunde mit sich brachten: Zuerst bezwang Spanien die Schweiz im Elfmeterschießen, danach setzte sich Italien in einem hochklassigen Spiel gegen Belgien mit 2:1 durch. Am Dienstag treffen die beiden Großmächte des Fußballs im ersten Semifinale aufeinander. Im Endspiel vor neun Jahren hatte sich Spanien mit 4:0 durchgesetzt.

Schweiz verpasste erneute Elfersensation hauchdünn


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Die Schweiz hat die erneute Elfersensation bei der Fußball-EM nur hauchdünn verpasst. Die Eidgenossen unterlagen am Freitag im Viertelfinale in St. Petersburg den eigentlich überlegenen Spaniern nach einem 1:1 (1:1, 0:0) nach Verlängerung erst im finalen Shootout und dürfen doch nicht für ihr historisches erstes Halbfinale bei einem Großereignis planen.

Nach unglücklichem frühen Rückstand durch ein Eigentor von Denis Zakaria (8.) profitierten die Eidgenossen auch von der Passivität der dominanten Spanier und hielten nach dem 1:1 durch Xherdan Shaqiri (68.) selbst in Unterzahl (ab 77.) dem vor allem in der Verlängerung hohen Druck stand. Am Ende belohnten sich die Spanier aber doch noch.

Personell setzten die Trainer im Vergleich zum Achtelfinale größtenteils auf Kontinuität. Bei Spanien war die Defensive leicht verändert, kamen Pau Torres und Jordi Alba für die halblinke und linke Seite. Aufseiten der Schweiz rückte durch die Sperre von Granit Xhaka einzig Zakaria im zentralen Mittelfeld neu in die Startelf.

Und just er wurde gleich zum Pechvogel. Einen zentralen, recht ungefährlichen halbhohen Volley Albas vom Sechzehner fälschte der Mann von Borussia Mönchengladbach unhaltbar für Goalie Yann Sommer ab. Das bereits zehnte Eigentor dieser EM - in allen Endrunden davor hatte es insgesamt nur neun gegeben - war ein idealer Start für die bis dahin dominanten, aber harmlosen Spanier.

Daran sollte sich nicht viel ändern. Die Schweiz lauerte auf Konterchancen, lief dabei aber mehrmals ins Abseits. Und die vom Druck befreiten Spanier übten sich im geduldigen Passspiel, wurden gegen die gut gestaffelten Schweizer aber praktisch nicht gefährlich. So wie in der 23. bzw. 24. Minute, als erst Nico Elvedi vor Alvaro Morata klärte, ehe dieser nach der folgenden Ecke Sommer per Kopfball testete. Die Schweiz, die Stürmer Breel Embolo schon nach 23. Minute verletzt austauschen musste, hatte vor der Pause noch einen Manuel-Akanji-Köpfler neben das Tor (35.) zu bieten.

Plätschernde zweite Hälfte

Lange plätscherte die zweite Hälfte im Stile der ersten dahin, sieht man von einem Zakaria-Köpfler knapp am Tor vorbei (56.) ab. Doch die Eidgenossen wurden mutiger, auch weil Spanien kaum Motivation erkennen ließ, die Führung auszubauen. Und so zwang erst Steven Zuber Spanien-Tormann Unai Simon zum Eingreifen (64.), wenig später hatte dann Shaqiri seinen großen Auftritt: Nach einem Missverständnis des Innenverteidiger-Duos Aymeric Laporte/Pau Torres musste der verwaiste Kapitän aus wenigen Metern nur noch einschieben.

Dass Remo Freuler für ein Foul an Gerard Moreno wenig später Rot sah (77.), war durchaus nachvollziehbar, änderte vorerst aber wenig am Geschehen. Immerhin wachte Spanien etwas auf, mit einem harmlosen Moreno-Schuss auf Sommer (84.) konnte man die Verlängerung aber nicht mehr vermeiden.

Dort machte Spanien dann ernst, schnürte den Gegner völlig ein. Moreno verpasste gleich zum Auftakt das Tor nur hauchdünn (92.), dann war es Sommer, der sich gegen Jordi Alba (95.), Moreno (101.), Mikel Oyarzabal (103., 105.), Dani Olmo (112.), Sergio Busquets (115.) und wieder Moreno (118.) auszeichnen konnte. Das aufopfernd agierende Schweizer Bollwerk hielt bis zur 120. Minute stand.

Im Elferschießen versagten den Schweizern dann die Nerven. Mario Gavranovic traf noch zum Start, schließlich aber scheiterten Fabian Schär, Manuel Akanji und Ruben Vargas. Oyarzabal verwandelte den letzten spanischen Versuch souverän zum 3:1.

Belgien muss weiter auf Titel warten

Bei den Italienern kehrte der zuletzt an Muskelproblemen laborierende Kapitän Giorgio Chiellini in die Mannschaft zurück. Die Belgier hingegen mussten auf Eden Hazard verzichten, der nach seiner im Achtelfinale gegen Portugal erlittenen Muskelverletzung nicht fit wurde. Dafür hatte Kevin de Bruyne seine Schmerzen im Sprunggelenk rechtzeitig überwunden - der Regisseur gab auch den ersten gefährlichen Schuss des Spiels ab. Italiens Schlussmann Gianluigi Donnarumma war auf dem Posten (22.), ebenso wie vier Minuten später bei einem Versuch von Lukaku.

Bereits davor war ein Tor der Italiener von Leonardo Bonucci wegen Abseits zurecht aberkannt worden (13.). Danach prüfte Federico Chiesa den belgischen Keeper Thibaut Courtois mit einem abgefälschten Schuss (27.), ehe die Azzurri auf 1:0 stellten. Belgiens Kapitän Jan Vertonghen leistete sich einen folgenschweren Ballverlust, Nicolo Barella setzte sich gegen zwei Abwehrspieler durch und traf via Innenstange ins lange Eck (31.).

Italien nutzte das Momentum - Chiesa verfehlte in der 41. Minute sein Ziel nur knapp, drei Minuten später brachte dann ein Distanzschuss den Erfolg. Lorenzo Insigne wurde von der belgischen Defensive nicht attackiert, konnte sich den Ball rund 20 Meter vor dem Tor herrichten und schlenzte das Spielgerät ins lange Eck.

Umstrittene Schiedsrichterentscheidung hielt vor VAR

Die Belgier kamen aber knapp vor dem Pausenpfiff wieder ins Spiel zurück. Lukaku versenkte einen Elfmeter, nachdem Giovanni di Lorenzo dem Belgier Jeremy Doku im Sechzehner einen leichten Rempler versetzt hatte. Die umstrittene Entscheidung des slowenischen Schiedsrichters Slavko Vincic wurde vom VAR nicht umgestoßen, womit die Italiener im Gegensatz zum Österreich-Match diesmal keine Profiteure des Video-Assistenten waren.

Großer Jubel herrschte auch bei den Italienern. 
- © reuters / Matthias Hangst

Großer Jubel herrschte auch bei den Italienern.

- © reuters / Matthias Hangst

Dies sollte sich allerdings nicht mehr rächen - auch deshalb, weil Lukaku in der 61. Minute eine Topchance ausließ. Nach Vorarbeit von De Bruyne traf der Goalgetter von Inter Mailand aus kurzer Distanz seinen Gegenspieler Leonardo Spinazzola und nicht ins Tor. Davor und danach wurden die Belgier von Italien gut im Zaum gehalten, eine wirklich zwingende Chance konnte sich die Nummer eins der Fifa-Weltrangliste nicht mehr herausspielen.

Damit kassierte Belgiens goldene Generation die erste Niederlage seit einem 1:2 gegen England im Oktober des Vorjahres und muss weiterhin auf ihren ersten Titel warten. Die Italiener hingegen sind bereits seit 32 Partien ungeschlagen und haben ihre jüngsten 13 Länderspiele allesamt gewonnen.

Spinazzole könnte für Monate ausfallen

Ein Wermutstropfen aber blieb: Der im bisherigen Turnierverlauf starke Spinazzola schied im Finish verletzt aus. Beim 28-Jährigen italienischen Verteidiger besteht der Verdacht auf einen Riss der linken Achillessehne. Sollte sich dies bewahrheiten, würde der Defensivspieler von AS Roma mehrere Monate ausfallen. (red/apa)