Ein guter Angriff, heißt es, gewinnt Spiele, eine gute Verteidigung Meisterschaften. Italiens Nationalmannschaft scheint, drei Jahre nach dem Verpassen der WM 2018 in Russland, beides zu haben. Doch während sich die Öffentlichkeit im bisherigen Turnierverlauf vor allem an den Leistungen der Offensivkräfte ergötzte - schließlich hält sich das Klischee, Italien "könne nur Catenaccio" noch immer hartnäckig, wenn es auch x-mal schon widerlegt wurde -, könnte nun tatsächlich die Verteidigung ins Zentrum rücken - und damit vorrangig ein Mann, der bisher bei dieser EM auffallend wenig Beachtung bekommen hat, wiewohl er sie durchaus aus seiner bisherigen Vita gewohnt ist: Gianluigi Donnarumma.

Der 22-Jährige hütet nun schon seit drei Jahren als fixe Nummer eins das Tor der Squadra, seit damals also, als Gianluigi Buffon, der einst als weltbester Tormann galt, seinen Rücktritt aus dem Nationalteam verkündet hatte. Buffon war 2006 mit Italien Weltmeister, es war der vierte und bisher letzte WM-Titel der Italiener.


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Auf Anhieb bei einem großen Turnier den Sieg zu holen, war aber auch ihm nicht vergönnt gewesen. Donnarumma könnte nun also nicht nur in seine Fußstapfen treten, sondern ihn sogar noch überflügeln. Als nächste Hürde stellt sich ihm und seinen Kollegen am Dienstag (21 Uhr) im Wembley-Stadion Spanien in den Weg - eine Mannschaft also, die ebenfalls über große Offensivkraft verfügt.

Auch wenn die Iberer ein durchwachsenes Turnier spielen, darf angenommen werden, dass Donnarumma und Co. mehr gefordert sein könnten als in den meisten der bisherigen Partien, in denen nur Österreich in Person von Sasa Kalajdzic und Belgien durch den Elfmeter von Romelu Lukaku den Tormann hinter sich greifen ließen. Buffon jedenfalls traut seinem Nachfolger alles zu: "Er ist ein Tormann, der die Möglichkeit hat, Geschichte zu schreiben und jeden Wettbewerb zu gewinnen", sagte er am Rande des Turniers.

Dennoch gibt es nicht nur Lob für jenen Mann, der schon mit 16 Jahren zum ersten Mal das Tor des AC Milan hütete, dieses mit seiner Spannweite ob seiner Körpergröße von 1,96 Meter und seiner enormen Sprungkraft abdeckt wie kaum ein zweiter, noch dazu das Paradeexemplar des "mitspielenden" und "-denkenden" Goalies ist und schon früh als "Wunderkind" tituliert wurde.

Zoff ätzt

Mit diesen Vorderleuten, meinte zuletzt etwa der mittlerweile 79-jährige Dino Zoff, dessen Zu-Null-Rekord von Donnarumma im Spiel gegen Österreich mit 1169 Minuten geknackt wurde, könne auch er sich noch zwischen die Pfosten stellen und würde wohl kein Tor bekommen. Donnarumma selbst will sich dazu nicht äußern, die Vergleiche von einst lassen ihn nur mit seinen breiten Schultern zucken. "Ich weiß, dass italienische Torleute vor mir Geschichte geschrieben haben", sagt er. "Aber ich spüre keinen Druck, ich bin stolz, in ihre Fußstapfen zu treten."

Die Hymnen auf der einen Seite, das "Aber" auf er anderen - das spiegelt indessen auch die Ambivalenz wider, mit der Donnarumma in der Heimat bewertet wird.

Denn die Rolle des netten Burschen von nebenan, der es, in Neapel aufgewachsen, bis nach oben geschafft hat, sich aber auch dadurch Sympathien erwirbt, dass er seine Herkunft nie vergisst, die ihm bisweilen zugeschrieben wurde, will Donnarumma nicht spielen. Anstatt seinen Vertrag mit Milan zu verlängern, haben er und sein Berater, der umtriebige Mino Raiola, die Verhandlungen aufgrund unterschiedlicher Gehaltsvorstellungen platzen lassen. Stattdessen soll Donnarumma sich schon mit Paris Saint-Germain einig geworden sein - und das inmitten der EM. Bei den Tifosi kommen Berichte wie dieser eher weniger gut an.

Ein EM-Titel - es wäre für den Europameister von 1968 der zweite - würde freilich für vieles entschädigen.