Quoten, Quoten, Quoten - und immer an die Zuschauer denken. Was die Wahrnehmung des Wettbewerbs der besten Fußballnationen Europas in den USA angeht, können seine Ausrichter bisher zufrieden sein. Laut den das Turnier live übertragenden Fernsehsendern ESPN und ABC sowie Univision, das den Spanisch-sprachigen Teil Amerikas bedient, schauten während der Vorrunde im Schnitt eine Million Menschen den Spielern auf die Beine. In der K.o.-Phase stieg die Zahl gar auf 1,8 Millionen. Nämliches entspricht laut den Ratings-Agenturen einer satten Steigerung von 38 Prozent im Vergleich zu 2016.

Für die Halbfinale und das Endspiel erwarteten sich die zwei zum Disney-Imperium gehörenden Medienkonzerne und der größte spanischsprachige im Land, der auch die Copa America im Programm hat, noch einmal einen Boost. Die bisherige, 2012 gesetzte Bestmarke sollte heuer relativ locker übertroffen werden. Damals schauten rund 4,6 Millionen US-Amerikaner den Spaniern beim Zerlegen der italienischen Abwehr im Olympischen Stadion von Kiew zu (4:0).


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Das bisher angesammelte Zahlenwerk ist auch insofern beachtlich, weil die zur europäischen Prime Time angesetzten Partien in den USA zur Unzeit stattfinden: Wer etwa an der Westküste lebt und kein Tagwerk zu verrichten hat, konnte sich, wenn er oder sie wollte, die Hälfte der Viertelfinale zum Frühstück und die andere zum Mittagessen anschauen. Nachdem das Public Viewing, zu dem sich anlässlich großer Fußballturniere sonst zwischen San Diego und New York zahllose Bars und Restaurants füllen, 2021 Coronavirus-bedingt großteils ausfiel, war im öffentlichen Raum auch sonst kaum etwas zu merken von jedweder "Soccer"-Euphorie. Ein Sittenbild, das sich auch weitgehend in der Berichterstattung der Leitmedien niederschlug. Letztere fiel im Laufe des Bewerbs aber insofern interessant aus, als sie vielleicht mehr über die Wahrnehmung Europas durch die USA Anfang des 21. Jahrhunderts erzählt als über die zwar stetig wachsende, aber vergleichsweise immer noch untergeordnete Rolle des Fußballsports im Land der "Big Four" (Football, Baseball, Basketball, Eishockey).

Die mit Abstand meisten Spalten in den Print- und Onlinemedien und Sendeminuten in Funk und Fernsehen nahmen Themen in Anspruch, die mit dem sportlichen Geschehen auf dem Rasen wenig zu tun hatten. Allen voran jene, mit denen sich Europäer trotz gegenteilig lautender, Mantra-artig wiederholter Lippenbekenntnisse immer noch schwertun: Rassismus und Homophobie. So brachte etwa "USA Today", das sich bis heute als Zentralorgan der politischen Moderation versteht, eine lange, vielfach angeklickte Geschichte über die Probleme der englischen Nationalmannschaft mit jenem Teil ihrer Fans, der ihre Mitglieder dafür ausbuhte, dass sie sich als Zeichen der Solidarität mit der "Black Lives Matter"-Bewegung vor den Spielen hinknien. (Die Engländer, Schottland, Wales und Belgien waren bei dieser Euro bisher die einzigen Teams, die diese in den USA mittlerweile fast alltägliche Geste setzten.) Was indes alles andere überschattete, war die Berichterstattung über die Entscheidung der Uefa, der Stadt München eine Regenbogen-Stadionlichtshow zu verbieten.

Von der altehrwürdigen "New York Times" über die Washington Post bis hin zu Boulevardmedien wie der New York Post oder dem Celebrity-Portal TMZ: Das Einknicken der alten weißen Männer vom europäischen Fußballverband vor jenen Sponsoren, die in diktatorisch regierten Ländern sitzen beziehungsweise diesen sogar gehören und in denen Homophobie de facto Staatsdoktrin ist (Gazprom/Russland, Qatar Airways/Qatar, Alipay und Hisense/China, Socar/Aserbaidschan) erfuhr in den US-amerikanischen Medien deutlich mehr Aufmerksamkeit als, zum Beispiel, der Herzstillstand von Dänemarks Christian Eriksen im Vorrundenspiel gegen Finnland oder Kylian Mbappé’s Fehlschuss im Elferkrimi gegen die Schweiz. Ein Umstand, der auch als Folge der Präsidentschaft von Donald Trump gewertet werden kann, während der die Rolle des Sports im Land zunehmend in den politischen Fokus geraten war; aber auch wenn die damit einhergehende Sensibilisierung im Gegensatz zum Gros der europäischen Berichterstatter mittlerweile fortgeschritten ist, zeugt sie dennoch von einer gewissen Doppelmoral.

Auch wenn es diesbezüglich kritische Stimmen gab: Wenn es um die Wahrung der Interessen von finanzkräftigen ausländischen Sponsoren geht, waren und sind auch die Herren - und es sind in der Regel auch dort nur Herren - der NFL, MLB, NHL und sogar die der als "Wokest"-Liga geltenden NBA ganz schnell gusch. (Wer’s nicht glaubt, schlage nach unter Stichwörtern wie "Morey, Daryl" und "Hongkong").

Was nichts daran ändert, dass die Wahrnehmung des europäischen Fußballs in den USA durch diese Euro bei allen gelitten hat, die an mehr als bloß an den Ergebnissen interessiert sind.